Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

Seite: 88
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von der unbestreitbaren Bedeutung Gurlitts ae-
schrieben haben soll. Nur einiges diene als
Beweis: S. 3 ist die Bedeutung der Aszese im
Christentum nicht richtig ausgefaßt. Der Zwie-
spalt, der die ganze Blickeinst llung für den Vor-
lrag enihült, existiert nicht, iveil Aszese nichts
anderes ist als die negative Seite der Hinwen-
dung zu Gott, der nicht nur Urgrund des Guten,
sondern auch Quelle der Schönheit ist. S. 4.
Auf großen Mißverständnissen beruht, was über
die Schönheitslehre des hl. Augustinus gesagt
ist. — Diese Mißverständnisse steigern sich noch

S. 5, wo von der Benediktinerregel behauptet
wird, sie sage: „Wenn ein Mönch infolge seiner
Kunstfertigkeit eine bevorzugte Stellung
erhält, weil er dem Kloster zu nützen scheint,
so soll er aus seiner Kunstübung herausgerissen
werden und nicht wieder zu ihr zugelassen wer-
den, es sei denn, er erniedrige sich, und der Abt
befiehlt es." — An diese Forderung knüpft dann
Gurlitt den schmerzlichen Ausruf: „Wahrlich kein
Mittel der Kunstförderung, sondern ein Zeugnis
des klaren Entschlusses, den betreffenden Mönch,
sowie er wahrer Künstler geworden ist von
seiner Kunst abzuhalten." — Schmerz und Ausruf
sind überflüssig, denn Gurlitt ist hier das Opfer
eines kolossalen Mißverständiriffes geworden. Die
betreffende Stelle der Beirediktinerregel Lp. 57
spricht nicht von den Künstlern, sondern von den
„Hairdwerkern" (urtiüce3> im Kloster, wie Gur-
litt leicht aus den Erllärungeir der Benediktiner-
regel hätte findeir können. Und sie spricht
2. nicht von solchen, „die eine bevorzugte Stellung
erhielten", sondern von dein Falle hochmütiger
Selbstüberhebung (si aliquis extollatur'. —
Die ganze Stelle heißt also in wörtlicher Ueber-
setzung: „Wenir im Kloster Handwerker sind, so
sollen sie ihr Hairdwerk in aller Denrut üben,
wenn es der Abt gestattet. Wenn aber einer
voir ihnen sich selbst um seiner Handwerkskennt-
nisse willen erhebt, weil er glaubt, zum Kloster
etwas beizutragen, so soll er von seinem Hand-
werk entfernt werden und nicht mehr 51t dem-
selben zurückkehren, ehe er sich gedemüligt hat
uitd ehe es ihm der Abt befiehlt". - S. 7: Des
hl. Thomas von Aquin ästhetische Lehre hat mit
dem hl. Franziskus nichts zu tun, sondern nur
mit Aristoteles und dem Areopagiten. — Die Ein-
fachheit der Franziskaner- und Dominikanerkirchen
hat ihren einzigen und einfachen Grund darin, daß
si: sich von dem sehr richtigen Taktgefühl leiten
ließen, daß die, welche von dein erbettelten Al-
mosen des Volkes lebten, keinen Prunk in den
Kirchen haben sollen. Genau dasselbe ist der
Gedankengang der S. 6 erwähnten Rede des
hl. Bernhard von Clairvaux (Apologia de vita
et moribus monach. cp. 11). Auf welche Aeu-
ßerung sich die Bemerkung S. 9 über Ignatius
von Loyola bezieheir soll, ist mir nicht klar. —
Es wäre zu wünschen gewesen, daß der sonst in
mancher Hinsicht lehrreiche Vortrag nicht diese
„Schönheitsfehler" aufwiese. Sehr beachtens-
werte Ausführungen gibt Högg über Friedhos-
kunst. Ich komme in einem andern Zusammen-
hang daratif zurück.

Tübingen. 1)r. Ludwig Baur.

Anton Weber, Till Riemenschneider. Sein
Leben und Wirken. Dritte, sehr ver-
besserte und vermehrte Auflage. Regens-
bnrg 1911. I Habbel. Mit 70 Ab-
bildungen.

Ich habe mich im Vorjahr („Archiv sür christ-
liche Kunst" 1913 Nr. 2) mit dem gelungenen
Buch vou Wilhelm Pinder über „Mittelalterliche
Plastik Würzburgs" voni Ende des 13. bis zum
Anfang des 16. Jahrhunderts beschäftigt und in
Erinnerung an Bachs vortreffliche Arbeit über
„Mittelrheinische Kunst" und Lübbeckes „Kölner
Plastik" der Freude über diesen Forschungseifer
Ausdruck gegeben, der sich neuerdings besonders
der mittelalterlichen deutschen P l a st i k
zuwendet. Webers neueste Auflage tritt in
diese Reihe ein, insofern durch diese umfang-
reiche und ins kleinste gehende Behandlung
des Lebens und Wirkens des Meisters Till das
Pindersche Buch eine wichtige Fortsetzuitg erfährt.
Die Mühewaltung, welche dem fruchtbarsten
Würzburger Meister, der als Bildschnitzer für die
ganze unterfränkische Kunstlätigkeit der beginnen-
den Reitaissance das leitende Vorbild war. nun
zum drittenmal vom Verfasser zugewendet wurde,
lohnte sich. Erkenntnis und Material wurde in
reichem Maße gefördert. Aus den kleinen An-
fängen von 1884 ist ein stattlicher Band mit vor-
züglichem Biloermaterial gewordeit. Das histo-
rische Material ist genauestens nachgeprüft uitd
verniehrt; neue Werke sind als echte Arbeiten
des Meisters erwiesen rmd in den notweirvigen
Zusammenhang gerückt worden, so daß sich jetzt
Leben und Kunstart in wünschenswerter Genauig-
keit erkenneil läßt. — Was den Genuß des
Buches beeinträchtigt, ist die eigentümliche Art des
Verfassers, seine Vorgänger und Nebenmänner
in der Riemenschneidersorschung zu behandelit.
Der Wiederentdecker Rieinenschneiders ist und
bleibt L. Becker (1849), dessen Schrift die 1. Auf-
lage von Webers Buch sehr viel verdankt. Auch
die Arbeiten von Streit und Tönities haben ihre
Verdieilste. — Daß Weber das allbekannte Wort
Dürers von dem Herrn in Venedig und deiil
Schmarotzer zu Hause nach seinem Türerbuch
(S. 39) zitiert, ist eine merkwüldige Sitte. Ueber-
haupt ist dieZitiermosaikeine solch bunte, teilweise
gesucht reichhaltige, daß sich der schlichte Gedanke
hinter vieler Ornamentik allzulang verbirgt. Dar-
um weniger Prätention und Gereiztheit im Kampf
um Nebendinge, mehr wissenschaftliche Objektivi-
tät und eine gebundenere, stellenweise gehobenere
Redeweise. Ein ähnliches Urteil über die antike
Kunst im Vergleich zur „christlichen" und „beson-
ders zur kirchlichen", wie es Weber in der Schluß-
betrachtung über die Vorbildlichkeit Riemen-
schneiders abgibt, habe ich in einein ernsten Buch
noch nie gelesen. In diesem Abschnittchen findet
sich z. B. der Satz: „Rur derjenige, welcher dem
Sinnlichen sich zugewendet und den Glauben
verloren hat, wird durch einen Apollo oder
eine Aphrodite befriedigt; er findet, was er
sucht".

Riedlingen. Or. Max Schermann.

Stuttgart, Buchdruckcrei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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