Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

Seite: 93
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oder durch beim -Kirchenbau verdientes
Geld sich selbst iu anderer Beziehung auf-
zuhelfen. Deshalb erlaubte er, daß ost
sogar drei oder vier Personen aus dem
gleichen Hause an dem Bail arbeiteten.
So ist der Steinhäuser Kirchenbau auch
eine treffliche Jllustratiou des sozialen
Segens der Klöster. Je mehr jedoch die
beim Bau tätigen Arbeiter ihre Börse
füllten, desto leerer wurde die Kasse des
klösterlichen Bauherrn. Unser Gewährs-
mann bedient sich scherzend des Ausdrucks:
„Dein damaligen Klosterhunde gingen die
Haare ziemlichermaßen ans." Nach beut
Schussenrieder Kellereibanbüchlein kostete
die Kirche an barem Geld 43 271 Gulden
6J/<j Heller. Ein Auszug aus dem Ban-
rapular des Steinhäuser Neubaues weist
au Geldausgabeu die Summe von
40 306 Gulden 40 Kreuzer nach. Es ist
übrigens zu beachten, daß bei beiden
Kostenberechnungen mehrere ziemlich be-
deutende Ausgabeposten fehlen. Daher
darf wohl behauptet werden, daß der
Steinhäuser Kirchenbau iu runder Summe
50 000 Gulden gekostet hat, ganz ab-
gesehen von den vielen Fronfuhren,
Ehrenfahrten usw.

Allein trotz der hohen Kosten hatten
die meisten Mönche eine herzliche Freude
an diesem originellen, ganz im Geschmack
der damaligen Zeit aufgeführten Bauwerk.
Mit Stolz schreibt der Stistsarchivar, daß
diese Steinhäuser Wallfahrtskirche sowohl
wegen ihrer „künstlichen Ovalarchitektur",
als „unvergleichlichen Malerei", wie auch
wegen „außerordentlich schöner Stukkatur
und sonstiger meisterlicher Arbeit" von
jedermann bewundert und als „eine der
herrlichsten im ganzen Revier, man dürfte
keck sagen im ganzen Schwabenland"
billigerweise gerühmt werde.

Für die Beschreibung der Kirche darf
jetzt auf die bereits erwähnte Monographie
von Muchall-Viebrook verwiesen werden.
Doch sei daraus folgendes kurz hervor-
gehoben.

Der Grundriß der Kirche ist oval,
wie das bei italienischen Kirchen des
17. Jahrhunderts öfter nachgewiesen istl)

0 Bergt, die instruktiven Hinweise bei Th.
M u ch a I t - V i e b r o o k S. LN f.

Das Innere zeigt reiche Gliederung
des Ovals, die durch 10 Pfeiler (Jnter-
kolumnien 1,80 Meter) und den rings
herum geführten Umgang erzielt ist. Au
den Breitseiten der Ellipse gebeit grad-
linige Mittelrisalite bem Außenbau wirk-
same Gliederung und wohltuende Ab-
wechslung zwischen geraden ititb geschwun-
genen Mauerführnngen.

Die äußere Mauerfläche ist durch Pilaster-
gegliedert. Die dadurch entstehenden Fel-
der nehmen die Fenster auf: zwei in jeöein
Feld, ein Unter- und ein Oberfenster.

lieber die stilistische Wertung des Innern
und des Gesamtbnnes sagt Muchall-Vie-
brook (S. 34 und 39): „Einzelheiten des
Aufbaues verraten auch iu dieser Kirche
wieder die Zirsamulenhäuge mit den großen
oberschwäbischeu Kirchenbauteu der Vorarl-
berger Schule .. . Die Kirche von Stein-
haufen bedeutet einen Markstein in der
künstlerischen Entivicklung Zimmermanns:
seine Abwendung von den Bahnen des
Barockstils. Der originelle Grundplan,
die Leichtigkeit des Ausbaues, die möglichste
Auflösung der Manerflächen in Fenster-
öffnungen itnb die intensive Ausnützung
von Farbe, Licht und Dekoration für die
Gesamtwirkung zeigen, daß er die leiten-
den Prinzipien des Rokoko als Raum-
stiles erfaßt hat."

Von der Benediktion der Kirche bis zu
ihrer Konsekration verstrichen fast zivei
Jahre. Kurz nach dem Antritt der Kloster-
regierung durch den Abt Siard Frick,
näiulich den 5. Mai 1733 hat der Kon-
stanzer Weihbischof Franz Anton v. Sir-
genstein die Weihe des Steinhäuser Wall-
fahrtstempels vorgenommen. Das authen-
tische Attest des Kousekrators über diesen
Akt lautet: „Nos Franciscus Joannes
Antonius (de Sirgenstein) . . . notum
facimus et testamur per praesentes,
quod anno Domini MDCCXXXI1I
die 5ta mensis Maii pontificalia pera-
gentes consecraverimus ecclesiam
parochialem Steinhusianam in hono-
rem ss. apostolorum Petri et Pauli
una cum quatuor altaribus. Altäre
s u m m u m i n f e r i u s principale ad
honorem ss. trinitatis, B. V. M., ss.
Petri et Pauli, Dominici, Joannis Ne-
pomuc. Godefridi, Gilberti, Didaci,
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