Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

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0.5
1 cm
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— loa —

Die Kapelle des Zeichens ist also die
Gnadenkapelle zn Einsiedeln selbst, und
die Madonna spielt an auf das Gnaden-
bild der Jungfrau, das eben das Haupt-
ziel der „Wallfahrt zu dem Gnadenbild
Unserer Lieben Frauen von Einsiedeln"
bildet. Die übrigen Personen und die
Inschrift des Zeichens beziehen sich auf
die wunderbare Weihe der Kapelle mit
14. September 948. Die Legende erzählt,
daß der zur Weihe der wiederhergestellten
Kapelle geladene Bischof von Konstanz in
der Weihenacht (14. September) wunder-
same Stimmen vernimmt und am Tage
darauf, als er sich zum Gotteshaus be-
gibt, die Weihe zu vollziehen, die Worte
hört: „Halt ein, Bruder, Gott selbst hat
die Kapelle geweiht." Das Fest der Engel-
weihe zog daher auch jährlich Tausende
von Pilgern nach Einsiedeln. Auch von Lübeck
ans ist dieser Wallfahrtsort häufig ausgesucht
worden, so z. B. bestimmt Arno Wpchmann
1422: „Item will ick dat myne Vormun-
dere senden schoten, myner Seelen to
Tröste, enen Peregrpmmen to Aken, to
sunte Enwalde, vnde to vnser lenen Vrowen
to den Ermsedelingen, in ener Neyse.. ."3).
Während der Engelweihfeier I486 sollen
mindestens 130 000 Wallfahrer in Ein-
stedeln gewesen sein; denn so viele Pilger-
zeichen wurden damals uerfauft2). Bei
einem solch gewaltigen Umsatz war es
natürlich öfters nötig, neue Forrnen für die
Zeichen herzustellen.- Bei dieser Gelegenheit
wurden dann auch wohl Aenderuugeu in
der Darstellung, sowie hinsichtlich der Größe
vorgenommen. So gibt es z. B. für
Einsiedeln noch ein zweites Zeichen mit
der Ermordung des heiligen Meinrad,
dessen Zelle den Ausgangspunkt für die
spätere Guadeukapelle zu Einsiedeln bildet.
Dieses Zeichen wurde 1906 von Herrn
Negierungsbaumeister O. Linde bei Aus-
grabungen auf der Burgruine Hohenbadeu
bei Baden-Baden gefunden33). Ein in der
Darstellung mit dem oben beschriebenen
übereinstimmendes Zeichen fand ich in
Lübecks Unrgegend, in dem Laueubur-
gischeu Dorfe Fuhleuhagen. Es ist im
ganzen etwas größer als das Lübecker,

3) v. Melle a. a. O. S. 61.

2) Dr. P. Odilo Ringholz a. a. O. S. 44.

3) Näheres siehe „Badische Heimat" 1. Jahrg.,
Karlsruhe 1914, S. 106 ff.

die Höhe ist 7 cm und die Breite 8,2 cm.
Angebracht ist es als Schmuck ans der
undatierten, wohl aber dem Ende des
14. Jahrhunderts entstammenden Kapellen-
glocke daselbst3).

Während sich die bisher genannten
Stücke im Originalzustand befinden, habeich
einige weitere als Schmuck auf Lübecki-
schen Kirchenglocken angetroffen. Die 1399
von Johannis Nehborch gegossene Glocke
zu St. Katharinen enthält zwei Zeichen.
Das eine von 3,4 cm Breite und 3,8 cm
Höhe besteht ans drei runden Scheiben (;),
die je von einem kleinen Kreuz gekrönt
sind und von drei winkeligen Oesen zu-
sammengehalten werden. Bon diesen drei
Platten zeigen in flachem Relief die obere
links: den Gekreuzigten, die obere rechts:
den Auferstandenen, und die untere: Christus
am Marterpfahl. (Abb. 4.) Es ist dieses
das Pilgerzeichen von Wilsnack in der
Priegnitz (Mark Brandenburg). Die drei
runden Scheibchen stellen die drei heiligen
und wundertätigen Hostien dar. lieber
dieselben berichtet der Franziskaner Lese-
meister vom Katharinenkloster zu Lübeck,
Detmar, in seiner Chronik: „In deine
sulven jnre (1383) wart ok en tosokent
to der Wilsuak in der Prignisse. Dat
quam hir van to, dat van bösen luden
wart vorbrand de kerke, dar inne besloten
was dat sacrament des Hilgen lichames
Christi, an euer nacht na unser vronwen
dage der anderen (18. Sept.) do openbarde
sick en lud deine perrer de dar was in
deine negesteu dorpe by vele luden, dat
he scolde upstan unde lesen misse an siner
kerken. Da he dit twie vorlach, nnde
dachte, it were en drom, wanle de kerke
were jo vorbrand, do quam de stempne
to deu dridden mit ernste: du viust alle
dink berede. Do stund he up unde gink
au de stede der kerkeu, unde vant lichte
beruende unde dat hilge sacrament in dren
beten up deine altare, de ua leth de biscop
von Havelberge werken in cristalleu2)."

0 Pilgerzeichen wurden neben Münzen und
plakettartigen Reliefs häufig als Glockenzierat
verwendet; vergl. meinen Aufsatz „Die Verwen-
dung von Pilgerzeichen als Glockenschmuck" in
„Niedersachsen", Jahrgang 1913, Nr. 14.

2) „Die Chroniken der niedersächfischen Städte
Lübeck" Bo. I, Leipzig 1884, S. 579. Vergl.
auch E. Brest: „Das Wunderblut von Wilsnack",
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