Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

Seite: 104
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Wie schon oben angedeutet, war das
Pilgerzeichen „mit dreyen rotgeserbten
Flecken, wie Blutstropfen zugerichtet."
Diese Flecken fehlen ans nnserm Zeichen.
(Schluß folgt.)

Ein moderner Aelch.

91 u § d e in Atelier von Joseph Hugger,

beschrieben von Stadtpfarrer Brinzinger,

Oberndorf a. N.

Nach dem Vorgang Christi bei der Einsetzung
des Abendmahls bedient sich die Kirche beim
Bundesovfer des Neuen Testaments von jeher
des Kelchs. Nach der Legende des Mittelalters
gebrauchte Christus die Schale „des Grals" aus
Stein, den Wolfram von Eschenbach und neuestens
Richard Wagner in „Parzival" verherrlicht haben.
Neben Kelcheir aus uuedleir Stoffen jaus Ton,
Bein, Holz, Blei, Zinn) gab es auch Kelche aus
Glas, so zahlreich, daß zur Zeit Tertullians
metallene Trinkgefäße selten waren, dann aber
gab es auch Kelche aus edlen Metallen, aus
Silber, Gold, auch aus Onyx, Kupfer (Binterim,
Denkwürdigkeiten IV, 1), im Mittclalter sehr-
wertvolle mit kostbaren Edelsteinen besetzte Pracht-
kelche. Der altchristliche Kelch hatte Henkelform
in Ravenna (Melchisedechmosaiklnld). Der ro-
manische Kelch hat den Opferschalencbarakter, in
älterer Zeit mit breiter Form, steitenr Fuß,
hohem Becher, in der spätrvmairischen Zeit mehr
ausgebauchte, halblngelförmige Form. Die
gotische Zeit hat die birnen- und tulpenartige
Form voir Anfang des 14. bis Mitte des 46.
Jahrhunderts, später die eiförmige Form des
Kelchs. Der Aufbari wird steiler und schlanker,
die Cuppa wird fast kegelförmig, oben leicht
geschweift, der Schaft höher, der Knauf ein-
gekerbt, auch mit Zapfen versehen, der Fuß geht
von der Kreis- mehr in die Rosettenform über
(Villingcii, Kloster Neuburg, Braunschweig, Kem-
pen). Die romaiiische Zeit hat reichen Zierat
in Email, Steineii uiid Filigran, die Gotik Bil-
der und archilektoiiischen Schmuck. Beim Re-
itaiffancekelch ist die Cuppa mehr zylinderförmig,
becherartig, unten sich rundend, der Knauf birn-
förmig, der Fuß weniger flach, das Ornament
hauptsächlich getrieben, die Verzierungen der Re-
naissance sind Darstellungen in Relief und Email,
Engel, Fruchtgehänge, in der Barock- und Ro-
kokoperiode find es ziselierte und getriebene Zier-
motive von Bluinen, Früchten, Kränzen, sowie
Emailmalerei. Am Fuß des Kelches werden schon
im früheren Mittelalter angebracht Bilder und
Vorbilder des Kreuzestods Christ:; später auch
andere Passionsszenen, Evangelisten und Heilige
(1. Herder, Konversationslexikon 4, J 491 und
Kirchenlexikon 7, 356).

Zum 25jährigen Pfarrjubiläu m „widmete die

Märkische Forschungen Bd. XVI, S. 133 ff. und
„Das Wunderblut zu Wilsnack", niederdeutscher
Einblattdruck mit 15 Holzschnitten aus der Zeit
von 4510—1520. Straßburg 1904.

, BuchdruUerei der Äk

dankbare Gemeinde der Stadt Oberndorf a. N."
ihrem, Stadtpfarrer Adolf Brinzinger
einen sehr wertvollen Prachtkelch, angeferligt von
Goldschmied Joseph Hugger in Rottweil,
9ltelier für christliche Kunst in Eoelmetallen.
Dieser Kelch hat weder romanischen noch gotischen
oder Renaissancestil, sondern ist ein vom Künst-
ler selbständig entworfener, moderner, origineller
Kelch von seinen Verhältnissen, derei: Beschreibung
wir hier folgen lassen.

Der Fuß dieses Kelches ist ziemlich flach ge-
halten, hat in seinem oberen Teil getriebene
Wellenlinien, welche den Uebergang zun: Nodus
sehr gefällig vermitteln. Als Bildschmuck sind
am Fuß angebracht: ein Herz-Jesn-Bild in opague
emailliert auf blauem Grund, ein Kreuz und
zwei altchristliche konstantinische Monogramme
Christi, schwarz emailliert. Aus dem Fuß wächst
schlank heraus der Schaft des Kelchs, gleichfalls
in opaque emailliert. Der Nodus ist vollständig
getrieben, mit vielen tleinen roten Turmalin-
steinchen besetzt und sehr handlich. Die Cuppa,
in ihrem unteren Teil ebenfalls getrieben, mit
Blättern, Steinchen und Email verziert, ist breit
rn:d weit ausladend, und galvanoplastisch gut
vergoldet. Die roten Turmalinsteine gehen mit
den Farben der Emails harmonisch und ruhig
zusammen. Der Kelch ist aus 800/ und 930/1000
sein Silber vergoldet. Die Verschraubung ist
nicht aus Silber, wegen Dauerhaftigkeit der Ge-
winde. Geineinde und Jubilar in Oberndorf sind
sehr befriedigt von der künstlerisch wohlgelungenen
schönen Arbeit Meister Huggers, in dessen Atelier
verschiedene interessante Kirchengeräte, auch in:
Beuroner Stil, zu sehen sind. Hugger erhielt
silberne Preismedaillen 1896 bei der Gewerbe-
ausstellung in Sttcktgart, 1905 bei der Welt-
ausstellung in Paris, 1900 in Villingen bei der
Schwarzwaldausstellung.

Literatur.

Forschungen und Entdeckungen zur Geschichte
der St. Blasius-Pfarrkirche in Ehingen
a. D. Von Oberstudienrat Dr. Hehle.
1914.

Der Verfasser widmet sein otium cum
dignitate mit nimmermüdem Fleiß der Er-
forschung der kirchlichen Verhältnisse Ehingens.
Die nerierdings erfolgte Erneuerung der katho-
lischen Stadtpfarrlirche in Ehingen bot will-
konnnenen Anlaß, sich mit der baugeschichtlichen
Entwicklung dieser Kirche zu befassen. Das Er-
gebnis dieser Untersuchungen bietet vorliegendes
Schriftchen, dessen Ertrag (zu beziehen durch die
Buchhandlung von L. Ortmann in Ehingen) dein
Fonds für Restaurierung der Kirche zufließt. Die
Untersuchung stützt sich stark (vielleicht etivas zu
vertrauensvoll) auf eine Darstellung der Kirche
auf einem Gemälde des 17. Jahrhunderts.
Sicherere Anhaltspunkte würden vermutlich das
Urkundenmatcrial des Stadtarchivs, vielleicht
auch im Universttäts- oder im Ordinariatsarchiv
zu Freiburg bieten.

Tübingen. L. Baur.

t. Ges. „Deutsches Vvtksblatt".

SluNgurt,
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