Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

Seite: 112
DOI Heft: 10.11588/diglit.16254.62
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16254.65
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16254.66
DOI Seite: 10.11588/diglit.16254#0121
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1914/0121
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
112

beit vorliegenden Urkunden echt. Ein
kleines ovales, vorne mit Glas versehenes
Gefäß birgt sie. Dieses wird wie eine
Lnnnla durch ein Türchen von hinten in
das Kreuz ebenso wie in die Tragmon-
siranz eingeschoben. Denn das letztere
hängt am rechten Arm in einem Schar-
nier und wird am linken an die Wand
geschlossen. Eine Blecheinlage im Leuchter-
träger ermöglicht die Aufstellung von Blu-
men. Das Metall ist durchweg vergoldet
und mit Einfärbungen versehen.

Das Kunstwerk bildet eine nicht ge-
wöhnliche Zierde der Salvalorkirche. Man
könnte sich wohl noch fragen, warum
Kreuz und Leuchterträger nicht verbunden
sind. Das wäre weniger originell und
zweckentsprechend gewesen. Die Teile, die
je einen besonderen Dienst haben, sind mit
Recht getrennt. Das Kreuz sollte die
Reliquie bergen, der Reifen die Kerzen
tragen. Die Inschrift: Hl. Konrad bitte
für uns! kommt dein Bedürfnis frommer
Verehrer entgegen.

Zur fragte nach der Herkunft
der Lrbärmdebilder.

Von Dekan Reiter.

In dem Werke: „Württembergs kirch-
liche Kunstaltertümer, bearbeitet von Dr.
Paul Keppler" wird bei Besprechung der
sogenannten Miserikordien- oder Erbärmde-
bilder der Gedanke ansgedrückt: Es wäre
eine sehr dankenswerte ikonographische
Studie, diese Bilder, welche etwas un-
gemein Rührendes haben, uns aber ganz
fremd gewotden sind, bis ans ihre An-
fänge znrückznverfolgen, welche mir in
Italien zu liegen scheinen, und einen
Ueberblick zu geben über ihre reichliche
Verwendung in Krönungen der Schnitz-
altäre, als Fresken, an Epitaphien, in Ge-
wölbeschlußsteinen usf.

Beschäftigt mit Konferenzarbeiten über
die Gregorianischen Blessen und über die
Gregorianische Messe haben wir, uns dieses
Gedankens erinnernd, die Frage erwogen,
ob nicht die Erbärmdebilder in der soge-
nannten Gregoiianischen Ri esse (Archiv
1890, dir. 1 u. 2) ihren Ursprung haben.

Was wir damit anssprechen, ist zu-
nächst nur eine Vermutung, und vielleicht
könnte man ohne weiteres die Sache auch

umkehren und sagen, daß die Miseri-
kordienbilder ans die Darstellung der
Gregorianischen Messe einen Einfluß ans-
geübt haben, allein das erstere scheint
uns doch wahrscheinlicher ztt sein.

Wollte man freilich zu einem gesicherten
Resultate gelangen, dann müßte man über
das erstmalige Vorkommen der Erbürmde-
bilder und über ihr Vorkommen überhaupt
gründliche Untersuchungen anstellen und
namentlich auch die Darstellungen in Ita-
lien berücksichtigen und znm Gegenstand
besonderen Studiums machen. In letzterer
Hinsicht könnte — wenigstens teilweise —
als Wegweiser dienen ein Satz in der
Ikonographie von Cloquet, welcher in
dein Kapitel Christ de Pitie über den
Typus des Dien piteux schreibt: „Les
paix anciennes du XVe siede et les
ecussons des Monts-de-piete en ont
utilise le sujet“ — Die alten Paxtafeln
und die Schildchen der Darlehenskassen
haben dieses Motiv verwertet. In der
Erwartung, wir könnten für unsere Zwecke
einen glücklichen Fund machen, dnrch-
blätterten wir neulich das gediegene Büch-
lein über die Montes pietatis (Leib-
kassen) von P. Heribert Holzapfel O. F. M,,
konnten aber leider über die Schilde der
Montes pietatis keine Notiz finden.
Jmmeihin dürfte für den Satz Cloqnets
die Tatsache in die Wagschale fallen, daß
die M. p., welche meistens von den Fran-
ziskanern gegründet wurden, den Karfrei-
tag als ihr Hanptfest gefeiert haben.

Würde es sich Herausstellen, daß die
Erbärmdebilder ans der Gregorianischen
Blesse herausgewachsen sind, dann dürfte
ihre Verwendung an den Altären als
vollauf gerechtfertigt erscheinen (Krönung:
Altar in der Sakristei der Michaelskirche
in Hall, Bönnigheim, Creglingen? Vlau-
beuren? Predella: Mittelrot, Kilians-
kirche-Heilbronn?). Ebenso könnten wir
dann leicht verstehen, ivas das Bliseri-
kordienbild an der Säule in der St.Moritz-
kirche zu Rottenburg-Ehingen ehedem zu
bedeuten hatte: es sollte die dort zur
Seitentüre eintretenden Stiflsherren auf
die hl. Messe vorbereiten und ans die
miserieordiae 0es Heilands Hinweisen.
(Ein Erbärmdebild auch an einem Pfeiler

der Kirche zu Weillieim.)__

Hiezu: Titel uiid Inhaltsverzeichnis.

Stuttgart, Buchdruckcrsi der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
loading ...