Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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formen, aber originell int Aufbau, in |
der Komposition und im Ornament bis
ins kleinste Detail hinein. Er ist so in |
den Raum hineinkomponiert, daß man '
fühlt, es muß fo fein, und er stillt das!
ganze Chorhanpt in einer Weife aus,
die ganz natürlich erscheint und dabei
gar nichts Ueberladenes und Uebertrie-
benes hat. Wenn wir bei Königsegg-
wald den Künstler Theodor Schnell als
einen Meister der Gotik mit moderner,
berechtigter Aus- und Weiterbildung
kennen gelernt haben, fo finden wir in
Uttenweiler ein Werk von ihm, das fein
Können auch in den Spätstilen, fein
Hineinleben in dieselben und fein Wei-
terbilden in großartiger Weife kundgibt.
Ja, es will uns Vorkommen, als ob ge-
rade in diesen Stilen dieses Weiterbil-
den sowohl berechtigter, als gelungener
wäre, berechtigter, weil Barock,
Rokoko, Louis XVI., Empire eben
manche Auswüchse zeigen, die nicht
immer unserem Geschmack entsprechen,
mögen sie auch noch so originell und
großartig sein, — es gab ja eine Zeit,
wo man diese Auswüchse schrecklich ver-
dammte, und sie liegt nicht lange hinter
uns — gelungener, weil diese Stile
eher eine Weiter- und Umbildung zu-
lassen als die Gotik, aus deren Gebiet
es immerhin gewagt bleibt, den Rah-
men des Ueberlieferten zu überschreiten
und dabei vielleicht gewisse Gesetze zu
vernachlässigen. In welch edler Weise
man das Barocke umbilden kann, zeigt
der neue Hochaltar in Uttenweiler,
ebenso wie der in Unter-Sulmettngen.
Er gemahnt im Ausbau etwas an die
edlen Altäre gn Rot, OA. Leutkirch,
ist aber durchaus originell entworfen.
Der Unterbau ist breit hingelagert durch
die beiderseits nach alter Sitte flankie-
renden Seitenpforten, und obwohl
Mensa und Leuchterbank und Taber-
nakel kräftig vortreten, so ist doch e i n
starker horizontaler Zug in diesem
Unterbau. Die Mensa, in geschweifter
Sarkophagform, zeigt kräftiges Orna-
ment; der Tabernakel, ein offener Thro-
nus ans zweitürigem Repositorium,
flankiert von anbetenden Engeln aus den
Anläufen der Predella, tritt mächtig vor
als vierseitiger, geradlinig abgeschlosse-

ner, mit leichter Bogendachung ver-
sehener Tempietto. Die Seitenpforten
tragen auf kräftigem Postament die
Statuen des hl. Augustinus und Am-
brosius, beides prächtige Figuren ohne
Manieriertheit und doch ohne Steifheit
Der Altarhochbau bildet eine recht-
eckige Nische, umgeben von se zwei Säu-
len, und innerhalb derselben das alles
beherrschende Bild des göttlichen Heilan-
des, eine Herz-Jesu-Statue in Ueber-
kebensgröße, umkränzt von einem lieb-
lichen Gewinde von Engelsköpfen in
Wolken und Ornament, heraustretend
aus dem Strahlenglanz, der die ganze
Rückwand ausfüllt. Ueber dem kräfti-
gen, in der Front reichverziertem Ge-
bälk ist ein kleinerer Aufbau mit Oval-
nische und dem Bild Gott Vaters, eben-
falls Skulptur, zur Seite die sitzenden
Fignren der Kirchenpatrone Simon und
Jtidas. Das Ganze ist von einer Wucht
und Kraft, die jedem Beschaner sofort
imponiert, wenn er auch nicht gleich sich
hineinfindet in die Eigenart des Künst-
lers. Der Altar kann nicht nur den Ver-
gleich mit andern, neuzeitlichen Schöp-
fungen, Kompositionen von anerkannten
sogenannten Raumkünstlern wohl aus-
halten, er übertrisft sie alle durch Ori-
ginalität, durch Gediegenheit des Orna-
ments, durch die klar hervortretende
Harmonie aller Teile, so daß ein Guß
und Zug erscheint.

Es war zn bedauern, daß dem Meister
des Hochaltars nicht auch die Seiten-
altäre iibertragen werden konnten. Die
Sache hatte, wie gewöhnlich, ihre finan-
ziellen Haken. Und mit den Finanzen
muß man schließlich immer rechnen,
namentlich da, wo solche Kirchenverschö-
nerungen durch sogenannte milde Bei-
träge bestritten werden sollen, und wo
man nicht aus dem Vollen einer wohl-
situierten Kirchenpslege oder Baukasse
schöpfen kann. Daß dadurch manchmal
Kunstwerk und Kunst notleidet, ist be-
dauerlich, aber nicht zu ändern, außer
man wartet, bis man so viel hat, daß alle
Forderungen erfüllt werden können.

In Uttenweiler wurden die Neben-
altäre von Meister Dörr aus Saulgau
erstellt. Dieselben entbehren ebenfalls
nicht der Originalität, ttnd in Anbetracht
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