Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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Obervogtamt zu Leinstetten energisch (
dagegen, daß trotz des herzoglichen Ver- j
bots in diesem Jahr vier Prozessionen
ans würtembergisches Gebiet nach Unter-
brändi gemacht wurden, und der Pfarrer
von Leinstetten das letztemal sogar den
Versuch gemacht habe, durch Drücken auf
die Schnalle und an die Türe zu öffnen.

So ging es noch verschiedene Jahre
mit Prozessionen und Protesten weiter.
Weder die Herzogliche Regierung noch
die Bischöfliche Kurie wollten eben ihren
Standpunkt aufgeben. 1779 waren die
Monstranz mit einer geweihten (?)
Hostie und verschiedene sonstige Geräte
in die Oberamtei nach Dornhan ver-
bracht und dort dem katholischen Pfarrer
zu Leinstetten zur Verfügung gestellt
worden; allein die Kurie hatte dem
Pfarrer die Erlaubnis zur Annahme da-
von abhängig gemacht, daß die Kirche in
Unterbrändi den Katholiken zu ihrem
Gebrauch und öffentlichen Gottesdienst
zurückgegeben und eröffnet und alles in
den vorigen Stand gesetzt werde. Darauf
ging die Herzogliche Regierung nicht ein.

Im Mai 1780 und 1781 berichtet das
Oberamt wieder von Prozessionen und
protestierte aufs neue dagegen; der Pfar-
rer erwiderte, daß er in Konstanz an-
gefragt habe, ob er mit diesen Prozessio-
nen continuieren solle, und darauf an-
getragen habe, daß solche, weil man doch
nicht in die Kirche eingelassen werde,
unterlassen werden sollten; darauf sei
ihm aber ein starker Verweis zugekom-
men und befohlen worden, damit wie an-
dere Jahre fortzufahren.

Die letzte Anzeige und Protestation des
gemeinschaftlichen Amtes, die in den Ak-
ten verzeichnet ist, datiert vom 29. No-
vember 1792.

Nach mehrjährigen Verhandlungen
kam schließlich am 26. Juni 1793 zwischen
dem Herzoglichen Oberamt Dornhan und
der katholischen Pfarrei Leinstetten und
Battenhausen mit Vorwissen und Geneh-
migung der beiderseitigen höheren In-
stanzen „zu gänzlicher Beseitigung des
vorgewaltenen Rechtsstreites" nachstehen-
der Vertrag zustande:

„Erstlich wird der in dem Kirchen-
gebäude zrl Unterbrändi den ehemaligen
Württembergischen Vasallen von Ow und

Attems als Inhabern der Herrschaft
Sterneck ehedem eingeräumte Kultus der
katholischen Religion ganz von Unter-
bräudi hinweg und nach Leinstetten
transferiert, dergestalt, daß
zweitens alter Kultus der katholischen
Religion nicht nur und iiberhaupt nach
allen und jeden Arten und Gattungen,
sondern namentlich auch die ehedessen von
den benachbarten katholischen Gemeinden
gepflogenen Wallfahrten und Andachten
in und zugedachtem Kirchengebäude
gänzlich zessieren. Gleichergestalt unter-
bleibt drittens die Wiederanstellung und
Unterhaltung eines eigenen Priesters
und Mesners in Unterbrändi. Viertens
behält das Herzogliche Haus die Dispo-
sition über gedachtes Kirchengebäu, des
Priesters- und Mesnershaus samt den
dazu gehörigen Gütern, sowie über das
pium corpus, samt allem dem, was den-
selben anhangt, ohne irgend einige Aus-
nahme der Vorbehalt. Dagegen zahlt
fünftens das Herzogliche Haus Würt-
temberg burcf) den jeweiligen Oberamt-
mann und Kloster Alpirsbacher Pfleger
zu Dornhan zur Unterhaltung des katho-
lichen Gottesdienstes in der Kirche oder
Kapelle zu Leinstetten vor alle und jede
Bedürfnisse, sie mögen Namen haben,
wie sie wollen, und ausdrücklich auch
mit Inbegriff des Oneris und des Unter-
halts eines Mesners jährlich auf Mar-
tini 80 fl. und an den Pfarrer zu Leinstet-
ten zu Unterhaltung eines Vicarii eben-
falls jährlich auf Martini 150 fl., zusam-
men 230 fl. (1783 betrug das Vermö-
gen — außer Wiesen, Aecker und Wal-
dungen — des Heiligen zu Unterbrändi
1494 fl. 29 Kr., im Jahre 1792 aber
3128 fl.)

Sechstens werden alle in der Kirche zu
Unterbrändi etwa noch vorhandenen Ho-
stien (?), Paramente, Altäre (der Taber-
nakel kam nach Bettenhausen), Bilder
und Gerätschaften, und neben denselben
die kleinere Glocke nach Leinstetten —
die größere Glocke von Brändi erhielt
Fürnsal zum Geschenk — verabfolgt.

Siebtens wird die Exsekration der
Kirche zu Unterbrändi von dem derzei-
tigen katholischen Pfarrer gu Leinstetten,
Beda Pracher, in aller Stille, ohne gro-
ßes Aufsehen und Solennität und im
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