Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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in einzelnen Fällen allerdings auch durch
geringe Baureste vermittelte. Von den
Werken der Stammesgenosseu ihrer Er-
bauer auf dem Kontinent sind sie wenig
verschieden.

Mit den Normannen (1066) kommt
neues Leben und kündet sich in einein
quantitativen und qualitativen Aufschwung
an. Zwar ist auch ihre Kunst zunächst
nicht originell, weder gegenüber der römi-
schen, noch der kontinental-normannischen.
Sie teilt mit letzterer den Zug ins Große,
Weite, die wuchtige Naumentsaltung, den
Drang nach Pracht und Würde, hat die-
selben großen Steine, flachen Tür- und
Fensterbalken, die doppelt abgeschmiegten
Fenster, die Belebung der Flächen mit
senk- und wagrechten Streifen, den Wechsel
zwischen lang- und schmalseitiger Auf-
stellung der Eckquader. Ja, sie steht hinter
ihr sogar zurück, sofern es ihr noch nicht
gelingt, bent Ausbau Schwung und Leichtig-
keit zu geben und ein organisches Ver-
hältnis zwischen ihm und seiner Dekoration
zu schaffen. (Dafür häuft sie letztere desto
aufdringlicher.) Die Fenster stellt sie
nebeneinander, ohne sie zu kuppeln; die
Türme baut sie schlank, und der Mangel
au Streben läßt sie noch schlanker er-
scheinen. Manche dieser Eigentümlich-
keiten entstammen dem Drang, über die
von der Heimat her gewohnten Dimen-
sionen hinanszugehen in dem eben er-
oberten Neuland, also der neuen Macht-
stellung Denkmäler zu setzen, ohne daß
die künstlerischen Fähigkeiten imstande
gewesen wären, sofort gleichen Schritt zu
halten. So ist die merkwürdige Erschei-
nung zu begreifen, daß bei einzelnen
Bauten der Eindruck des Nüchternen im
ganzen mit dem des Unruhigen im ein-
zelnen sich paart. Bald bildet sich ein
fester Typus heraus: wuchtige Dimen-
sionen, Kreuzanlage mit Mitteltnrm,
schärfere Betonung der Entwicklung nach
Westen als der nach Osten (langes West-
schiff, davor zwei Türme mit Chor, letzterer
oft den Türmen noch vorgelagert, kurzes,
dreigliedriges Ostschiff mit geradem, ge-
legentlich sogar zu einem förmlichen Quer-
bau ausgestalteten Chorabschluß, oder, wenn
auch seltener, Apsis und selbst vorspringende,
monumental gehaltene Qnerschiffe). Die
Behandlung der einzelnen Bauglieder ist

eine ziemlich willkürliche. So sind die
Stützen das einemal unverhältnismäßig
kurz (Norwich), das andremal sehr hoch
(Gloncester), öfter so massig, daß sie das
größte Gewölbe tragen könnten, und doch
kommen Mittelschiffgewölbe erst verhältnis-
mäßig spät vor. Dort kommt das Tri-
forinm den Pseilerbogen an Größe nahe,
hier dagegen ist es ziemlich klein. Ein
innigeres Verhältnis zwischen Konstruktion
und Dekoration schaffen die Säulenschäfte
in den Seitenwänden von Fenstern und
Türen, die Verbindung der Turmfenster
durch einen darüber gespannten, gemein-
samen Bogen, die Verdrängung des anf-
geklebten Bandornaments durch flache
Strebepfeiler. Kapitelle in allen mög-
lichen und gelegentlich auch schier unmög-
lichen, antike Muster verzerrenden For-
men, Gliederung der Stützen, Kannelie-
rung der Pfeiler und sorgfältige Aus-
bildung und Umrahmung der Portale
sind weitere Belege des Ringens um eine
reichere Formensprache und Belebung der
starren Massen. So vermag denn der
normannische Stil schließlich ein Kunst-
werk von der Harmonie, der inneren Ge-
schlossenheit und dem innigen Zusammen-
klang aller seiner Teile zu schaffen, wie
es die Kathedrale von Dnrham repräsen-
tiert, und im Tower baut er nicht nur
die Kirche, sondern greift sogar mit Ge-
schick ans das Gebiet der Kriegsarchitektnr
über, während die Kirchen von West-
minster. St. Albans, Norwich, Glou-
cester, Ely, Peterborongh, Lichfield, Chi-
chester n. a. der Periode des Ringens und
Werdens angehören.

Das unausgeglichene Nebeneinander
von Altem und Neuem ans dem Beginn
der normannischen Periode kehrt wieder
beim Nahen der Gotischen Aera.
Ihr Vorbote ist der Spitzbogen. Er
tritt zunächst ans als Fremdkörper, ohne
Einfluß auf die Konstruktion, und ist um-
geben von romanischen Ban- und Zier-
gliedern, ja, findet sich an ein und dem-
selben Bauwerk gleichzeitig mit dem ro-
manischen Bogen. Doch zeigt die Be-
lebung der Profile, daß der Schritt zur
Gotik unaufhaltsam ist. Am glänzendsten
dürste der Uebergangsstil vertreten sein
in der Abteikirche zu Malmsbury (heute
leider nur noch Ruine).
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