Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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Die Gotik in England hat in ihrer
ersten Periode den Nanien Lanzettstil von
den schlichten, schmalen Spitzbogenfenstern.
Diesem neuen Element gehen zur Seite
zweckmäßigere Gestaltung der Dimensionen
der Pfeilerbogen gegenüber dem Trifo-
rium, Belebung der Pfeiler mit vertikalen
Bandmotiven, reiches Blattornament,
während der figürliche Schmuck noch eine
sehr bescheidene Rolle spielt. Die Be-
tonung der Horizontalrichtung, auch iu
der Choraulage, der geradlinige Chor-
abschluß, sehr oft ausgeglicheu durch
eine östlich vorgelagerte Ladychapel, viel-
faches Beibehalteu der Holzdecke uud in-
folgedessen der dünnen, schlanken Säulen
erinnern an frühere Zeiten, und das
Zurücktreten des Konstruktiven gegenüber
dem Dekorativen ist ein neuer Beweis
einer ungleichmäßigen Entwicklung, ebenso
der auffällige Unterschied zwischen der
Fülle im Aeußeru und der Leere im
Innern der englischen Kirchen. Am ein-
heitlichsten wirkt in ihrer Gesamterschei-
nuug die Kathedrale von Wells, ja ge-
legentlich wird sie mit ihren kirchlichen
Annexen geradezu als einzigartig gefeiert.
Dagegen ist die zweckmäßige und selb-
ständige Ausgestaltung der Pfarrkir-
chen ein Verdienst der Engländer und
ein Vorzug gegenüber andern Nationen.
Sie sind keine Miuiaturkatbedralen und
wahren ihre Eigenart, selbst wenn ihre
Dimensionen denen eines Münsters nahe-
kommen. Eine Entwicklungsgeschichte der
englischen Pfarrkirche wäre eine sehr
lohnende und zugleich eminent praktische
Aufgabe.

Der Sieg der Gotik ist entschieden mit
dem Neubau der Kathedrale von Canter-
bnri) (seit 1174), und die Neige des

12. Jahrhunderts sieht dessen erste
Phase, den Lanzettstil, bereits auf dein
Höhepunkt seiner Entwicklung. Das

13. Jahrhundert bringt die Skulptur,
von unbeholfenen Versuchen ausgehend,
zu rascher und reicher Blüte nitb feiert
an der Westfassade von Wells wahre
Triumphe, widmet den Kapitelshäusern
eine besondere Sorgfalt, inbent es von
der viereckigen oder runden Form zur
polygonalen übergeht, und sucht einen
gewissen Ausgleich zwischen West- und
Ostabschluß zu schaffen durch Anfügung

eines westlichen Querschiffs, gelegentlich
sogar mit mächtigenr Tnrm über dessen
Mitte oder zwei kleineren Türmen zu
beiden Seiten, oder einer Blendmauer.

Je nachdenr das Fenstermaßwerk in
den einfachsten geometrischeil Figuren,
oder aber in freieren, fließenderen, den
Fensterrahmen mitnmfassenden Formen,
oder in gitterartig aufstrebenden, parallelen
Stäben gehalten ist, redet man von einem
„geometrischen", einem „fließenden" bzw.
„dekorierteil" und einem „perpendikulären"
Stil, hat baniit — von Uebergängen und
Mischfornien abgesehen — zugleich je die
eigentümliche Bauweise des l3., 14. und
15. Jahrhunderts gegenseitig abgegrenzt
und ein immer stärker hervortretendes
Abrücken von konstruktiven zu dekorativen
Gesichtspunkten signalisiert. Den Bogen,
der ursprünglich ein wichtiges Bauglied
war, verflüchtigt die mehr und mehr sich
geltend machende Vorliebe für vertikal
anfsteigende Linien zu rein dekorativer
Wandverkleidung; die Vertäfelung ver-
drängt ihn zuletzt auch hier fast ganz.
Schließlich siegt die Horizontallinie über
die Vertikale, knickt sogar den Bogen zum
Eselsrücken oder zum Tndorbogen ein.
Dem massiven Kreuzgewölbe folgt rasch
das Netz- und Stern- und schließlich das
rein dekorative Stalaktitengewölbe.

Am auffälligsten sind die Wandlungen,
welche die Türme durchgemacht haben.
Daß dieselben in der normannischen Zeit
mit Vorliebe hoch und schlank gebaut
wurden, nieist ohne Streben, höher als
die Türme der Normandie, ist bereits er-
wähnt und erklärt sich aus der Anlehnung
an angelsächsische Art. Letztere beherrscht
also zwei Bauperioden, und mit ihrem
Streben in die Höhe greift sie auch noch
in die nächste hinüber. Gelegentlich wer-
den auch da noch bereits vorhandene
Türme erhöht, z. B. die Mitteltürme von
Salisbury. Dagegen zeigt die Turm-
krönung sehr oft eine völlig entgegen-
gesetzte Tendenz. Während sie früher
ans einem vierseitigen, spitzen Dach be-
stand, wie es viele Kirchen am Rheine
tragen, erfährt sie später eine leise Er-
breiterung und bekonnnt einen Zinnen-
kranz, also den Eindruck des Trutzigen
und Wehrhaften. Nur wenn das Viereck
im obersten Gelaß ins Achteck übergeht,
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