Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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durchforscht sind. Der Bau war vollendet
im Jahr 1130, gehört also der normau-
uischeu Zeit au. Infolge eines Brandes
mußte jedoch der Chor gegen Ende des

12. Jahrhunderts, also im Uebergangs-
stil, neu erbaut werden. Die Schiffe er-
fuhren einen Umbau in der Zeit des
perpendikulären Stils (1376 —1410), und
der Mittelturin teilte drei Vierteljahr-
hunderte später dasselbe Schicksal. Vom
Urbestand hat sich also nur die Krypta
erhalten. Doch läßt die Trennung von
Schiff und Chor durch den Lettner und
die reiche Gliederung des Chors die Unter-
schiede leicht übersehen, und das Ganze
macht einen verhältnismäßig harmonischen
Eindruck. Charakteristisch sind die je durch
einen gemeinsamen Rundbogen überspann-
ten Lanzettfenster des Triforinms und
Lichtgadens.

Ein Werk ans einem Guß, innerhalb
40 Jahren gebaut, ein glänzender Re-
präsentant des frühenglischen Stils (1220
bis 1260) ist die Kathedrale von Salis-
bury, 144 m lang, 30 m breit, 28 m
hoch, mit zwei Querschiffen, Ladychapel
im Osten, Vierungstnrm (123 m hoch,
der höchste in England), also, abgesehen
von der Zahl der Türme, nahe verwandt
mit Canterbury, aber weniger imposant
und reich.

Wesentlich kleiner (113 m lang, 35 m
breit, 20 m hoch) ist die 1206 — 1242
erbaute Kathedrale von Wells ff, früh-
englisch, jedoch von Osten her im 14. Jahr-
hundert, also dem Decorated style, um-
gebaut, mit drei Türmen, die beiden West-
türme in ihren oberen Teilen perpendi-
kulär.

In ihrem Kern gehört dem früheng-
lischen Stil auch die W e st m inster -
ab teikircheQ von London an, abge-
schlossen Ende des 13. Jahrhunderts, ein
Uinbau eines Werks aus dem Ende des
9. Jahrhunderts, das um die Mitte des
11. eine Erweiterung erführen hatte. Das
16. Jahrhundert fügte die Kapelle Hein-
richs VII., das 18. die Türnie ctit (Wren
und Hawkesmore). Die Gesamtlänge be-
trägt 156 m, die Breite 22 m, die Höhe

ff Vgl. Dehio — v. Bezold, IV, III. Buch,
Tafel 434, 1.

ff Grundriß und Aeußeres bei Kuhn, Fig. 903
und 904, S. 538.

31 m, die der Türme 68 m — eine
würdige Grablege der Großen des eng-
lischen Volkes, die sich jedoch für diese
Würde leider die Profanierung durch eine
Reihe Grabmäler von sehr zweifelhaftem
Kunstwert gefallen lassen mußte.

In den Maßverhältnissen kommt der
Westminsterkathedrale die vonWincolnff
nahe (146 X 24x 25 m). Im Reich-
tum der äußeren Gliederung (Qnerschiffe
an der Westfront, am Langhaus, am
Chor, dazu die Annexe südlich und nörd-
lich vom Presbyterium, sowie Chapter-
Honse und Cloisters) ist sie ihcküberlegen,
ebenso iit der Anlage der Türme (79 und
60 m hoch). In- ihrer heutigen Gestalt
ist sie die 1186 begonnene, vonl Chor
bis zur Westfassade ca. 1250, in den
übrigen Teilen ca. 1380 vollendete, im
15.—16. Jahrhundert durch Kapellen am
Presbyterium eriveiterte Restauration
eines Baus aus der zweiten,Hälftendes
11. Jahrhunderts. Trotz ihrer Zuge-
hörigkeit zu zwei Bauperioden zeichnet sie
sich aus durch Ebenmaß und Einheitlich-
keit.

Weniger glücklich im Ausgleich zwischen
Länge und Breite bezw. Höhe (112x20
X 17 irr) ist die 1200 — 1280 an der
Stelle einer nornlannischen Kirche erbaute
Kathedrale von Lichfield. Jedoch fällt
der Mißstand deshalb nicht so sehr auf,
weil Qnerschiff und andere Anbauten fast
genau in der Mitte sich angliedern und
reiche Turm- und Fassadenanlagen (zahl-
reiche Statuen) Anmut und Abwechslung
schaffen. Das Detail ift peinlich sorg-
fältig gearbeitet. Alte Glasgemälde sind
ein weiterer Anziehungspunkt, und so mag
denn der Ehrenname der Queen of
English Minsters immerhin in seinem
Rechte bleiben.

Glücklich in ihren Dimensionen (147 X
32 X28 nr) und darunr harmonisch in
ihrem Gesamteindruck trotz sehr beschränkter
Qnergliederung ist die Kathedrale von
Porkff, eine normannische Kirche, die
in ihren späteren Umbauten alle Stil-
wandlungen bis zum spätperpendiknlären
an sich erfahren hat (Krypta normannisch,
Querschiffe frühenglisch, Hauptschiff in

ff Scott I, Fig. 122; Grundriß bei Kuhn,

! Fig' 905.

! 2) Kuhn, Fig. 906 und 907.
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