Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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nicht, weil man zu den bisherigen Gottes-
häusern hiezu noch eines weiteren bedurft
hätte, sondern weil mau der City uach dem
großen Brande des Jahres 1666 wieder
ein Gotteshaus geben mußte und ein
ihrer Bedeutung entsprechendes geben
wollte. Bezeichnend für den damaligen
Stand der Kirchenbaukunst in England
ist es, daß der Erbauer der St. Pauls-
kirche ^), der gefeierte Wreu, nichts Besseres
zu tun wußte, als seinem Werke den Plan
von St. Peter zu Nom zugrunde zu legen,
freilich ohne ihn sklavisch nachzuahmen.
Ein Beweis für die soziale Lage Eng-
lands in jener Zeit ist es, oaß die ge-
waltigen Baukosten großenteils durch eine
Kohlensteuer aufgebracht werden konnten.
Obgleich Kopie, ist der Bau ein Meister-
werk. Wreu hat es trefflich verstanden,
die riesigen Dimensionen gegeneinander
abzustimmen und die schweren Massen
in Harmonie zu kleiden. In der Anleh-
nung an ein kontinentales Vorbild von
der Bedeutung des Petersdoms hat er
in Deutschland und Frankreich und da-
rüber hinaus viele Genossen. Und doch
hat sich bei ihm diese Anlehnung viel
schwerer gerächt, als bei den andern, aus
dem einfachen Grunde, weil sie für katho-
lische, also mit den Grundideen von
St. Peter identische Zwecke bauten und
mit ihren Altären usm. dem äußern
Nahmen eine entsprechende Füllung gaben,
während St. Paul mit dem Eindruck des
Erhebenden und Großen doch auch den
des Nüchternen und Leeren macht. Man
hat offenbar diesem Mißstand später ab-
helfeu wollen, aber mit unzureichenden
Mitteln. Denn die Grabdenkmäler reicher
Fanülien Londons für ihre in irgend
einem Kolonialkrieg gefallenen Angehörigen
passen nun einmal nicht hinein in die
Riesenräume. Es verrät ein Gefühl für
diesen Mißstand, wenn eine Fanrilie zum
Gedächtnis eines toten Sohnes eine denr
Stil und den Dimensionen des Doms
entsprechende Kanzel erstellte und mit
einer Grabinschrift schmückte, oder wenn
die Verehrer Wrens unter Verzicht auf
die in der Westmiusterabtei oft so pro-
fan und gelegentlich geradezu trivial wir-

*) Grundriß Kuhn, Fig 1549. Aeußeres eben-
da, Beilage. Inneres Fig. 1550.

kenden Büsten und Statuen ihrem Idol
zu Ehren für St. Paul eine monumen-
tale Sängerempore stifteten. Was der
Bau darüber hinaus noch aufweist au
Bemühungen um seinen Schmuck, das ist
gut gemeint, aber nicht gut gelungen.
Insbesondere sind die Deckengemälde
schon zu klein und zu blaß, um auf den
unten stehenden Beschauer zu wirken. —
Doch fehlen dem Bau auch die Altäre,
Beichtstühle und Heiligenbilder, die mit
St. Peter organisch zusammeugehören, so
fehlt doch nicht gar alles, um außer der
Architektur au das Vorbild zu Rom zu
erinnern. Wie in St. Peter, so dringt
auch durch die Halleil von St. Paul noch
tagtäglich das Gebet und der Gesang
kirchlicher Tagzeiten. Ja gelegentlich
wurde auch hier wie überall in Englaild
das vom anglikanischen Erzbischof von
Canterbury für einen glücklichen Verlauf
der Uniousverhaudluiigen mit Rom an-
georduete öffentliche Gebet verrichtet. —
Wer weiß, was daraus noch werden mag!

Daß vieles im Werden begriffen ist,
zeigt der neueste Dom großell Stils in
London, die von Bentley in dem Jahre
1895—1903 erbaute, von Kardinal Män-
nin g voll langer Hand her vorbereitete
katholische Westmillsterkathedrale.

Es ist bis dahin fein weiter Weg vom
Parlament, dem stolzen Heim, das sich
der eigentliche Regent des britischen Welt-
reichs geschaffeil und elitsprecheud seiner
Bedeutung ausgestaltet und ausgestattet
hat. Aber wer diesen Weg macht und
nur ein klein wenig von der breiten Ver-
kehrsstraße abbiegt, der kann mit dem
Propheten sagen: „Ich bin der Mann,
der Arnint sah", und zwar Armut in einer
derart aufdringlichen nnb zugleich ab-
stoßenden Gestalt, wie mall sie in solcher
Umgebling in keiner Hauptstadt Deutsch-
lalids findet. Mau könnte fast meinen,
das kaum begreifliche, erst kiirzlich beho-
bene Versäumnis einer sozialen Gesetz-
gebung habe sich den Gesetzgebern in
seinen furchtbaren Wirkungeil aus llächster
Nähe ad oculos demonstrieren wollen.
Diese wellig voliiehme Nachbarschaft ist
also die Schuld des Parlaments. Und
die Nähe der katholischen Kathedrale ge-
rade in diesenl wenig anziehenden Stadt-
teil ist oder war die Absicht ihres Er-
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