Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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Hauers, des „sozialen" Kardinals, nach
dem sich der „Kardinalsfriede" nennt,
der durch Mannings Person allein zu-
stande gekommene Ausgleich in dem furcht-
bareil Strike, der England an den Rand
des Verderbens zu bringen drohte und
allen Verständigungsbestrebungen, auch
von autoritativster Seite, bis dahin ge-
trotzt hatte. Manning, der Oberhirte der
ärmeren Bevölkerungsschicht, mollte den
Armen nahe fein. Dementsprechend ist
denn auch seine Kathedrale von außen
schlicht und anspruchslos, ans Ziegel- uitb
spärlichen Honsteinen int Stil des byzan-
tinischen Ostens und mit Herübernahme
einzelner altchristlich-südfranzösischer Mo-
tive ausgeführt. Die Länge beträgt
104 m, die Breite 30, die Höhe der
Bögen 27, die der Kuppeln 34 m. Die
Maße halten sich also innerhalb der
Dimensionell der größeren Kathedralen
Englands ans katholischer Zelt, korrigieren
einigermaßen, wenn auch nicht ganz im
Sinne der Bauiveise des Kontinents beit
großen Abstand zwischen Länge und Breite,
aber stehen allerdillgs immer noch ziem-
lich weit zurück hinter der anglikanischen
Rivalin zu St. Paul. Es kommt also
nur vom Unterschied zwischen der Höhen-
lage des beiderseitigen Standortes, daß
der St. Edward's Tower voll Westnlinster
die St. Panlsknppel überragt. Im Volke
herrscht aber vielfach die gegenteilige An-
sicht. Das faktische Verhältnis ist 86:110 m.
Die Dächer von Westurinster sind, ent-
sprechend dem orientalischen Gesamt-
charakter, flach; Schiss uitb Vorchor sind
von insgesamt vier Betonkuppeln über-
ragt. Es erinnert an angelsächsische
Kunstübung und zugleich an die Minarets
des Orients, wenn der schon genannte
Glockentnrm sehr schlank gehalten ist und
nur spärliche Lichtöffnungen zeigt. —
Schlicht und einfach, ja fast ärmlich mutet
auch das Innere beim ersten Anblick an,
und dieser Eindruck wird noch verstärkt
durch die zu der geplanten, aber aus
finanziellen Gründeil nur sehr langsam
voranschreitenden Innenausstattung mit
Marmor, Mosaik nsw. passende Beleuch-
tung. Die Wände sind kahl gelassen und
aller Jnterimsschnnd ist glücklicherweise
fern gehalten. Soweit aber der Aus-
schmückungsplan bereits in die Tat um-

gesetzt ist, im Chor und einigen Seiten-
kapellen, ist er, wo nicht ein Wunder, so
doch eine wahre Glanzleistung voll Ele-
ganz und Harmonie: der Hochaltar, aus
einem einzigen, 24 Zentner schweren, aus
Cornmallis stammenden grauell Granit-
block gehauen, überragt von einem auf
acht goldgelben monolithen Onyxsänlen
ruheliden Baldachin, die Kanzel ans Mar-
lnor mit Mosaik im Kosmatenstil; die
Monolithe, welche die Emporen tragen,
bunter Marmor aus den Justinianeischen
Brüchen auf Euböa und in Thessalien,
die Kapitäle aus Karrara, der bischöfliche
Thron eine Wiederholung des päpstlichen
ans der Lalerankirche zu Rom in kleinerenr
Maßstab, der Taufstein aus grünem Por-
phyr. So ist delin diese Kirche so recht
ein Bild der bisherigen und, so Gott
will, ein Vorzeichen der ferneren Ent-
wicklung des langsam und mühsam, aber
erfolgreich und ehrenvoll emporstrebenden
Katholizismus jenseits des Kanals, und
bezeichnend für seine derzeitige Stellung
ist die Tatsache, die kürzlich eine Ver-
mögensanfnahme feststellen konnte: der
ärmste lind der reichste Mann in London
waren — beide Katholiken.

Eine neue Erklärung der Disputa
Raffaels

versucht unser Landsmanll Dr. Groner
in einer kritischen Studie *). In sieben
Abschnitten orientiert sie über den Platz des
Bildes und feine Umgebung in den Vati-
kanischen Stallzen, über die bisherigen
Erklärungsversuche, angefangen vonl Be-
richte Vasaris bis zu den neuesten Ver-
suchen, katholischerseits voll Schneider
(„Katholik" 1896).und Minjon („Hist.-
polit. Blätter" 1905), weist soivoyl die
eine Erklärung, nach welcher die Verherr-
lichung der Eucharistie der Jllhalt des
Bildes ist, wie auch die andere, nach
welcher der verklärte Christus den Mittel-
punkt des Bildes darstellt, zurück. Der
Verfasser sucht dann, um zu einer Er-

*) Raffaels Disputa. Eine kritische Stubie
über ihren Inhalt von Dr. Anton Groner. Mit
zwei Lichtdrucktafeln. Straßburg, J.H. Ed.Heitz,
1905. (Zur Kunstgeschichte des 'Auslandes,
Heft 37.) 58 S. 4°. Preis Mk. 3.50. Ein
Bild der Disputa finden die Leser des „Archivs"
im Jahrgang 1896, Nr. 12.
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