Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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wurde vom früheren Hochaltar zum neuen
verwendet. Auf diesem festgefügten Fun-
dament erhebt sich der Mittelbau,
des ganzen Altars gediegenste und impo-
nierendste Arbeit. Drei Pilaster, jeder-
seits von je sechs Meter Höhe, reich mit
vergoldeten Rosetten geziert, streben nach
oben. Die klassische Ruhe dieser sechs
Pilaster wird belebt von vier gewaltigen
Säulen, wundervoll marmoriert. Diese
Alabastersäulen gehören zum Schönsten
und Majestätischen, das der Altar dem
Beschauer darbietet. Haben diese Säulen
den grünmarmorierten Hintergrund mei-
sterhaft belebt, so haftet das Auge an
zwei Riesenstatuen, den Kirchenheiligen
Blasius und Theodul. Das sind Meister-
werke der Holzschnitzkunst, köstlich in
ihrem Marmorglanz, trefflich in der Ge-
wandung und erhaben in der Form-
gebung der Körperteile. Das Altar-
bild, das das Mittelstück des Hochaltars
ausfüllt, ist ein P f i n g st b i I d von
Professor Dt. v. Feuerstein in Mün-
chen. Dieses Bild darf als ein Kunst-
werk ersten Ranges bezeichnet werden.
Verweilen wir daher etwas bei dieser
Sehenswürdigkeit.

„Es war ein glücklicher Gedanke, dem
Künstler als Thema das Pfingstwunder
aufzugeben. So wird der gläubigen
Gemeinde eines der Zentralgeheimnisse
des Christentums im Bilde vorgestcllt.
Zugleich ist der künstlerische Schmuck der
einzelnen Teile des Altars unter sich in
ein schönes, theologisch bedeutungsvolles
Verhältnis gebracht. Die Ausgießung
des Heiligen Geistes ist in der Kunst nicht
so oft behandelt worden wie andere Er-
eignisse der Heilsgeschichte — zweifellos
aus Gründen, welche in dem Vorwurf
selbst liegen. Das Pfingstwunder war
eben, abgesehen von dem orkanartigen
Sturm und den feurigen Zungen, nicht
so fast ein äußeres, mit den Sinnen
wahrnehmbares und mit den Mitteln
der bildenden Künste erfaßbares Ge-
schehen, als ein inneres Erlebnis. Der-
jenige, der allein dabei in Tätigkeit ge-
treten ist, dessen Wirken das Verhalten
aller Teilnehmer bestimmt und erklärt,
die dritte göttliche Person kann nicht
dargestellt, sondern nur symbolisch an-
gedeutet werden, etwa bm'cf) das her-

kömmliche Bild der Taube, durch feurige
Zungen oder sonstwie durch Lichtmassen.
Ferner bietet die Gruppierung und Dar-
stellung Mariens größere Schwierigkeiten
als bei anderen Szenen. Wie hat nun
Feuerstein die Aufgabe gelöst? Er
hat zunächst durch die Architektur des
Raumes, in den die Szene verlegt, ein
festes Gefiige für den Aufbau und eine
klare horizontale und vertikale Gliede-
rung der zu füllenden Fläche geschaffen.
Die Architektur des Altars bedingt, daß
der für das Bild zur Verfügung stehende
Raum aus einein sehr schmalen und
hohen (3 : 6 Meter) Felde besteht. Um
darin die zahlreichen Figuren der Szene
unterzubringen, läßt er den Schauplatz
der Szene auf breiten Stufen nach hinten
ansteigen, so daß er die Figuren großen-
teils übereinander anordnen konnte.
Außerdem hat er es verstanden, dem
Raum eine beträchtliche Tiefe zu geben,
so daß er einen Teil der Figuren ziem-
lich klein halten konnte. In zwanglosen
Gruppen stehen und knien die Jünger
da, als ob es der Zufall so gefügt hätte.
In Wirktichkeit ist diese Anordnung eine
sehr kunstvolle und geistreiche, das Er-
gebnis feinster, auf Harmonie und Gleich-
gewicht sorgfältig bedachter Berechnung
und Abwägung." (Breucha im „Volks-
freund" für Oberschwaben.) Drei Jünger
stehen im Vordergrund, in inbrünstigem
Gebet verharrend. Darunter ist auch
der Lieblingsjünger. Frommen Herzens
begrüßen sie die Ankunft des Trösters.
Dieser Gruppe gegenüber steht int Vor-
dergrund, dem Beschauer zu drei Viertel
den Rücken zuwendend, die Prachtfigur
eines bärtigen Alten, eine Gestalt, wie
sie ein im Dienste harter Arbeit verbrach-
tes Leben formt. In schönem Flusse
füllt der weiße Mantel von der Schulter
zu Boden, unter dem das Dunkelrot des
Untergewandes hervortritt. „Dieser bär-
tige Alte ist ein echter Feuerstein; an ihni
! konnte er die Fähigkeiten, welche die
Stärke seiner Kunst ausmachen, betäti-
I gen, ihn hat er mit besonderer Liebe be-
handelt. Mit dieser Kraftfigur setzt Per
starke Zug nach oben, der durch die
ganze Komposition geht, kräftig ein. Sie
! ist der Gegenspieler zu Petrus, und ihre
I Gebärde ist das abgeschwächte Echo der
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