Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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großen Geste des Apostelfürsten und
führt den Blick hinauf zu der Gruppe des
letzteren und der Madonna." Die oberste
Gruppe läßt den Höhepunkt der ganzen
Komposition erkennen. Fest wie ein
Fels steht Petrus da, die Hände erhoben
in stürmischer Hingabe an den Geist von
oben, dessen geheimnisvolle Kraft ihn
durchdringt und emporzieht. Aus seinem
Antlitz ruht die Kraft des göttlichen
Feuers. Königlich ist die Gebärde. An
dieser Figur offenbart sich so recht des
Künstlers Kraft und Können. Neben
Petrus sitzt Maria, die Hände in den
Schoß gelegt, die klaren Augen weit ge-
öffnet und den Blick in die Ferne gerich-
tet, als schaue sie die Frucht des Opfers
ihres Sohnes und das Werk des von ihm
nun gesandten Heiligen Geistes. Sie ist,
ein merkwürdiger Kontrast zu den auf-
geregten Aposteln, in völliger Ruhe, ja
Teilnahmslosigkeit. Feuerstein wollte
durch die natürlich gewählte Ruhe einen
starken und interessanten Gegensatz zu
der Figur des theatralisch ausgemachten
Petrus schassen. Petrus sollte die
Hauptfigur sein. Jede Bewegung Ma-
riens wäre doch nur eine unbedeutende
Wiederholung der mächtigen Gebärde
des neben ihr stehenden Petrus gewesen.
Die übrigen Apostel sind von untergeord-
neter Bedeutung, jedoch lauter ausdrucks-
volle Köpfe. Die Blicke fast aller Jünger
sind emporgerichtet zum Heiligen Geist,
der in Gestalt einer Taube herabschwebt.
Die Taube schwebt, von einem dreifachen
Rund der goldenen Scheibe des Glorien-
scheins, der aus derselben hervorschießen-
den Strahlen und der ebenfalls kreis-
förmig angeordneten feurigen Zungen
umgeben, in einem Rundbogen, der mit
zwei gemalten Pilastern an der Rück-
wand wie Bestandteile der Architektur
wirkt. —

Läßt man das Bild aus sich einwir-
ken, so ist man hoch entzückt von der
majestätischen Ruhe und Feierlichkeit, die
das Gemälde ausstrahlt. Ueberall waltet
Maßhaltung und ein Zurückdrängen aller
Effekthascherei. Selbst an der Haupt-
figur, an der imponierenden Petrus-
gestalt, findet man einen Ausgleich aller
malerischen Affekte. Feuerstein wollte in
der schönen Zeichnung, in der sicheren

Formbeherrschung und in der Kraft des
seelischen Ausdrucks seine königliche
Stärke zeigen.

Das Licht, das im Bilde herrscht,
ist ein kühles Morgenlicht — es ist ja erst
die dritte Stunde des Tages —, das in
seiner Abtönung die hinteren Partien
schwach erhellt und die dort angebrachten
Apostelfiguren nur wenig aus dem Schat-
ten hervortreten läßt. Damit soll das
natürliche Licht in Widerstreit gesetzt
werden zum ewigen Licht, das in reicher
Fülle vom Heiligen Geiste ausstrahlt.
Man kann mit vollem Recht aussprechen:
„Dies Kunstwerk ist eine Verwirklichung
des Schönen." (P. Kuhn.) Und was
das Charakteristische des Gesamtgemäl-
des ausmacht, das ist, daß die Komposi-
tion Originalität, Neuheit, die erste An-
forderung, die man an ein echtes Künst-
lerwerk stellt, offenbart. — Hat so der
Mittelbau des Altars alle Vorzüge zen-
tralisiert, so bildet der Oberbau eine
klassische Krönung des Ganzen. Ge-
schwungene Formen, angepaßt der Archi-
tektur der ihn umgebenden und fast be-
rührenden Chordecke, lenken den Blick zur
ewigen Gottheit, thronend in Hochrelief
am Scheitel des Altars. Vier mächtige
Urnen sind vier Ruhepunkte des schauen-
den und suchenden Auges. Ein kraft-
volles Gemälde, der segnende Christus,
auch von Feuerstein aus Leinwand ge-
zaubert, füllt den Raum über dem Haupt-
gesims aus. So folgen sich die drei gött-
lichen Personen in gut ausgedachter
Anordnung untereinander und ftnbcu
ihren Sammelpunkt irrt Sakrament der
heiligsten Liebe, im hoheitsvollen Taber-
nakel.

Die Grundfarbe des Altars ist ein
weiches Dunkelgrün, das ein Mün-
chener Künstler unvergleichlich schön mar-
morierte. Das viele Glanzgold, das in
Bändern, Girlanden, Rosetten, Kapitälen
wirkungsvoll hervortritt, die marmornen
Engel, die den Tabernakel und Christus
umschweben, erhöhen die Feinheit des
Kunstwerkes, das nahezu 14 Meter hoch
zwischen zwei großen Chorsenstern em-
porstrebt und abends durch reflektieren-
des elektrisches Licht zauberhaft beleuch-
tet werden kann. „Der ganze imposante
Altar und Feuersteins Werk mit seiner
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