Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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13. Beratung. Bei allen wichtigeren
Fragen sollte die BLzirksausschuß-Obmann-
schaft für Natur- und Heimatschntz beigezo-
gen werden, die im Bedarfsfall bereit wäre,
Sachverständige für die weitere Beratung,
vorzuschlagen, und die nötigenfalls eine
nähere Künstlerische Beratung durch die
Fried h oftom Mission des W ü r t-
te mb e r g i sch e n L ande sau s s ch u s-
s e s für Natur- und H e i m a t s ch utz
in Stuttgart herbeiführen würlde. Be-
gutachtung und Beratung durch diese Fried-
hofkommission erfolgt für alle Gemeinden
und Private durchaus unentgeltlich und ge-
bührenfrei. Zuschriften sind zu richten an
die „Geschäftsstelle des Württ. Landesaus-
schusses für Natur- und Heimatschutz in
Stuttgart, Neckarstraße Nr. 8", Fernsprecher
Nr. 5589.

Beck. Diskurse der lllaler.

Eine eigentümliche, fast seltsame Zeit-
schrift im 18. Jahrhundert bildeten „D i e
Discourse der Mahlern", eine
schweizerische Wochenschrift, welche wahr-
scheinlich im Juli 1721 ins Leben trat, zu
Anfang des Jahres 1726 ihren Titel dahin
änderte: „Die Mahler, oder Discourse
von den Sitten der Menschen". Die Her-
ausgeber bekennen gleich zu Anfang, daß. sie
durch den Londoner „The Spectator" (Der
Zuschauer, welcher vom Jahre 1711 an er-
schien) zur Gründung ihrer „Discourse" an-
geregt worden seien, und daß sie diesem
„einen Teil ihrer Methode und. vielleicht
alles dasjenige, was sie Artiges haben", ver-
danken. Die Wochenschrift hatte aber, wie
man etwa nach ihrem Titel annehmen
konnte, weder mit Malern noch der Kunst
der Malerei irgend etwas zu tun. Vielmehr
wurden die einzelnen Beiträge nur mit den
Namen berühmter Maler, wie Raphael von
Urbiu(o), Hans Holbein, RUbeen(s), Hanni-
bal Laroche, Michel Angelo usw. gezeichnet,
so daß man heutzutage die einzelnen Ver-
fasser nicht mehr bestimmt bezeichnen bezw.
herausfinden kann; doch weiß man, daß
B o d m e r, einer der Hauptleiter, mit „Ru-
bcen" Unterzeichnete. Der Titel der „Dis-
course der Maler" wurde dann gewählt,
weil man sich in den Abhandlungen der Ge-
sprächsform bedienen wollte und in der
Hauptsache kleine Sittengemälde zu geben
beabsichtigte. Im ersten Hefte wird eine
Art Programm losgegeben, wie, daß die.Zeit-
schrift aus einer Gesellschaft gleichgesinnter
Männer hervorgehe, die über die ganze
Schweiz verbreitet' sei und sich verpflichtet
habe, regelmäßig Beiträge an den Präsiden-
ten zu senden. Dann heißt es weiter über
die Organisation: „Der Präsident enthält
sich in unserer Stadt (Zürich), und es kann
keiner zu dieser Stelle gelangen, der nicht hier
wohnhaft ist; er hält wöchentlich mkt den an-

* deren Gliedern, die in der Stadt wohnen, seine
f ordentlichen Sessionen; alsdann gibt er ihnen
Part von demjenigen, toa§ die entfernten
membra eingeschickt haben. Man discou-
riert, kritisiert darüber pro und contra. Bald
wird ein Periodus äbgeschnitten, bald eine
niedrige Rede durchgestrichen, bald ein
Schluß für ungültig erklärt oder eine dunkle
und unvernehmliche Zeile wird losgewun-
j den, ein hohes Wort wird bei einer hohen
; Sache angewandt, eine 'Thesis bekömmt lein
stärker Fundament von einem neuen Be-
weisgrund." Zu dieser Ausgestaltung des
Inhalts ist e§ aber wohl nie gekommen;
wahrscheinlich war sie, nach der Neigung der
damaligen Zeit, in der Hauptsache eine
Phantasie. Als die wirklichen Unternehmer
sind B o d m e r und B r e i t i n g e r anzu-
sehen; Mitarbeiter waren Zollikofer, Zell-
weger, Heinr. Meister, Keller von der Mauer
und andere. Bezüglich dies Inhalts wurde
gleich im ersten „Discours" erklärt: „Gleich
wie die Soeietät zu ihrem Objekt den Me n-
schen genommen hat, so pretendiert sie, von
allem demjenigen zu red>en, was in sein Kapt-
! tel gehört, ohne andere Ordnung, als diejenige,
zu welcher ihr ihre Nebenmenschen und ihre
ei-gene Situation von Zeit zu Zeit Anstoß
geben werKn, ihre Spekulationen walten zu
lassen. Ihre Passionen, Caprioen, Laster, Feh-
ler, Tugenden, Wissenschaften, Torheiten, ihr
i Elend, ihre Glückseligkeit, ihr Leben und
Tod,, ihre Relationen, die sie mit anderen
Entibus haben, endlich alles, was mensch-
l i ch ist und die Menschen angeht, gibt
ihr Materie an die Hand, zu gedenken und
zu schreiben." Darauf erschienen in bunter
Abwechslung „Discourse" über Kindererzie-
hung, Freundschaft, Glückseligkeit, Karten-
' spiel, Todesfurcht, Sprache und Sprachge-
brauch, Tabakrauchen, Freigeisterei, Ge-
j schichtsschreibung, Geckenhafti>gkeit usw., nur
' nicht über Malerei und Maler, die, wenn sie
: auch die Tiefe und Eleganz des geistreichen
- und humorvollen Mitherausgebers der eng-
lischen Zeitschriften „The Tatler" (Der
Plauderer, 1" -11), „The Spectator" (1711

i bis 1712) The Guardian" (1713),

j Addison, bei m icem nicht erreichten, doch
; gewiß ihren Eindruck die Leser nicht
? verfehlten. Ei Wirkung er-

, zielten f^ / carisch

./gebildete Pu m ls

diel zu gering . Hauptsa

^ auf einige Städte beschrä:

Verbreitung aber bex Wochenschrift :n
Deutschland die harte und ungelenke Sprache
, entgegenstand, mit der die schweizerischen
Schriftsteller damals noch zu kämpfen hatten,
i Trotzdem nimmt Kob er st ein in seinem
j „Grundriß der deutschen Nationalltteratur"

' (II, 888) keinen Anstand, die „Discourse"
für „eine der bedeutendsten literarischen (?)
Erscheinungen im 3. Zehntel des 18. Jahr-
j Hunderts" zu erklären, darüber hinaus schei-
' neu sie .nicht lange mehr bestanden zu haben.

Stuilgnrt, Buchdruckerei der AN.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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