Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

Seite: 29
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fferausgegebeu und redigiert von Pfarrer Schöiwigei', ffaslach (Tettnang)

(an Stelle des im Feld befindlichen Universitäts-Professors Ov. L. Bairr in Tübingen).
Eigentum des Rottenbnrger Uiözesan-Knnfivereins e. £>.;
Ronnniffions-Verlag und Druck der Aktien-Gesellfchaft Deutsches Volksblatt in Stuttgart.

Erscheint in Merteljahrsheften. Preis durch die Post halbjährlich M. 2.28 ohne
I* o Bestellgeld. Durch den Buchhandel sowie direkt von der Verlagshandlung I-OJC.

* Akt. - G es. Deuts ch es Vo lks b l a tt in Stuttg art pro Jahr M. 4.50. ^ ^

Oie hl. Cacilia von Rafael.

Von Stadtpfarrer Ihr. Not h, Wiesen-
steig.

Im Nachdenken über dieses welt-
berühmte Bild kam der Unterzeichnete
zu einer möglichen teilweise neuen Er-
klärung dieses Gemäldes. Er hat sie zu-
erst der ersten Autorität, unserem hoch-
verehrten akademischen Lehrer urrd ge-
liebteli Bischof Dr. Paul Wilhelm von
Keppler vorgelegt, nird der gnädigste
Herr haben gewünscht, dieselbe im Ar-
chiv zu veröffentlichen, was hiemit ge-
schehen soll.

Welches könnte die Situation und der
Aufbau des Gemäldes sein?

Es ist der Abend ihres Hochzeitstages.
Im golddnrchwirkten Hochzeitskleid, das
ihre vornehmen Eltern ihr fertigen ließen,
steht Cäcilia da. Weil sie ihrem himm-
lischen Bräutigam Jungfräulichkeit ver-
sprochen hat, zertritt sie die weltlichen
Tanz- oder Hochzeitsinstrumente (Flöte,
Tamburin usw.). Die Hochzeitsorgel,
aus der sie Pfeifen fallen läßt, hält sie
auch in einer Weise, die einer wegwerfen-
den Behandlung gleichkommt. Dies alles
will sagen: Cäcilia will nichts von Voll-
zug der Ehe, sie verwirft die ganze Hoch-
zeit als ungültig, weil sie ihr gegen ihren
Willen von ihren Eltern aufgezwungen
wurde, sie will ihrem Gelübde treu, sie
will Jungfrau, standhafte Jungfrau,
Braut Christi bleiben. In zarter, sym-
bolischer Weise, und weil es sich gerade
um Cäcilia, die Sängerin und Patronin
edler Musik handelt, drückt Rafael die
Verwerfung der Hochzeit und Ehe 'durch

Vertretung und Wegwerfung der Hoch-
zeitsinstrumente aus.

Da steht sie mm in ihrer ganzen jung-
fräulichen Schöne, die edle Römerin, die
hl. Cäcilia. Aber denken wir uns recht
lebhaft in ihre Lage hinein. Sie ist in
Bedrängnis. In inbrünstigem Flehen
betet sie zu ihrem himmlischen Bräuti-
gam. Ihr Gebet wird zu tiefinnerem
Gesang. Dieser Gesang hat aber einen
ganz bestimmten Inhalt. Reine Seelen
singen immer, in dieser wird ihr
Gesang zum flehentlichsten, innigsten
Bittgesang: Laß mich rein und unbefleckt
bleiben, o Jesus, deine reine Braut und
nichts anderes will ich sein! Cäcilia
erfleht also Standhaftigkeit in der Jung-
fräulichkeit. Sie ist in Erstase, in Vi-
sion. Wen sieht sie? ihren himmlischen
Bräutigam? Winkt ihr die jungfräuliche
Würde der gnadeuvollen Gottesmutter
Maria, aller Jungfräulichen? Welch
selige, himmlische Wonne durchstrahlt
! sie, welch himmlische Süßigkeit leuchtet
aus ihrem heiligen Antlitz! Mein Bräuti-
gam, so denkt und singt sie, ist der Un-
sterbliche, Ewige, er stirbt nicht, mein
Bräutigam ist der schönste, sein Angesicht
leuchtet wie die Sonne und seine Kleider
sind weiß wie der Schnee. Mein Bräu-
tigam ist der reichste, er hat alles Gold
und Silber der Erde, alle Schätze und
Genüsse der Himmel erschaffen. Mein
j Bräutigam ist der liebevollste, er hat für
l mich sein Leben gelassen — Jesus Chri-
| stus! Dem Gott des Himmels nüb der
Erde gehört Leib und Seele. Wie könnte
ich einem Menschen meine Liebe schen-
ken? (Bestlin, Legende S. 579.) Immer
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