Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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inniger und feuriger wird ihr Gebet, ihr
Gesang, sie singt das Lied der Reinen,
das nur die Jungfräulichen singen kön-
nen, und an ihr bewahrheitet sich in be-
sonderer Weise das Heilandswort:
Selig, die ein reines Herz haben, sie wer-
den Gott anschauen. ”

Und die vier Heiligen um sie? Alle
vier denken nach über die hl. Reinheit.
Unser Bild ist ein Altarbild für die.Cä-
cilienkapelle der Kirche San Giovanni
in Monte in Bologna. Aus der kirchlich
bevorzugten Seite, aus der Evangelien-
seite, stehen zwei Vertreter der unver-
letzten Reinheit, St. Paulus und St. Jo-
hannes, St. Johannes, „der jungfräu-
liche Apostel", steht selbst wieder der
Jungfrau Cäcilia zunächst. Er ist voll
seliger Wonne, daß auch eine Jungfrau
so standhast und damit so glücklich bleibt.
St. Paulus denkt nach über die inneren
Kämpfe zur Bewahrung der hl. Rein-
heit. Er hat zusammengesaltete Blätter
in der Hand. Ist es sein erster Korinther-
bries, wo er, der ja selbst im Leben jung-
fräulich blieb, das hohe Lied der Jung-
fräulichkeit singt, 1. Kor. 7, 7 u. a., und
wo er 1. Kor. 7, 38 sagt: Wer seine
Jungfrau verheiratet, tut recht, wer sie
aber nicht verheiratet, tut besser? Oder
ist es sein zweiter Korintherbries, wo er
2. Kor. 7. ss. vom Stachel des Fleisches
redet, gegen den er zu kämpfen habe?

Aus der kirchlich linken Seite, aus der
Epistelseite, stehen die zwei Vertreter der
aus der Buße entsproßten, der wieder er-
worbenen Reinheit, St. Augustinus und
die hl. Magdalena. St. Magdalena
schaut aus die Beter herab und spricht
ihnen Mut zu. Durch das leise Zwie-
gespräch, das St. Augustinus und St.
Johannes miteinander führen, sind die
beiden Paare äußerlich und durch die ge-
meinsame Reinheitsidee sind sie inner-
lich untereinander und mit der hl. Cä-
cilia verbunden. Cäcilia ist im Vorder-
grund und im Mittelpunkt des ganzen
Bildes, ein Cäcilienbild soll es ja sein,
ein Cäcilienbild wollte Rafael malen.
Alle fünf Heilige, die weitaus am größ-
ten im ganzen Bilde gemalt sind,
drücken die Reinheitsidee kräftig aus
und die vier flankierenden Heiligen stre-
ben alle vier in ihrer Haltung gegen Cä-
cilia hin. Diese Erklärung der vier die

hl. Cäcilia umgebenden Heiligen als der
Repräsentanten der zwei Arten der hei-
lichen Reinheit, ist mir plötzlich auf-
gesprungen, sie ist neu, es lag aber für!
Rafael nahe, die Jungfrau Cäcilia mit
diesen beiden Arten der Reinheit zu flan-
kieren, und es dürste diese natürliche
Erklärung'' doch Wohl verlockend sein.
Im „Plaistor bonus" (27. Jahrg. 4. Heft
vom 1. Januar 1916, Trier, Paulinus-
druckerei) steht mit Berufung aus die
Summa des hl. Thomas und aus Jung-
mann (Theorie der geistlichen Bered-
samkeit): „Die Buße ist die zweite Un-
schuld: daher betet die Kirche zu Gott,
dem Wiederhersteller und Liebhaber der
Unschuld: Deus, innocentiae restitutor
et amator (oratio super populum in
feria 4. post Dom. 2. Quadrag.)“
Ich schlage nach im Meßbuch und finde
am Kopse dieser Fastenmesse: Statio
ad sanctaim Caeeiliam. Das Sta-
tionssest ist also an diesem Tage der hei-
ligen Fastenzeit seit schon langer Zeit in
Rom in der Kirche der hl. Cäcilia als
Stationskirche. Wie nun die Kirche die
hl. Cäcilia an diesem Tag in der alt-
ehrwürdigen Cäcilienkirche für ihre
Gläubigen um ihre Fürsprache für die
Gnade der doppelten Unschuld anrust,
so lag es doch dem Kardinal Lorenzo
Pucci, dem Freund Rafaels, der das Bild
bei Rafael bestellte, und dem Künstler
Rafael, der in Rom malte und dem die
fromme Verehrung der hl. Cäcilia in
ihrer Kirche zur Erlangung der Gnade
der doppelten Unschuld sicher bekannt
war, nahe, diesen doppelten Gesichts-
punkt auch aus das neue Altarbild für
die Kirche bezw. Kapelle in Bologna zu
übertragen, aus dem die in Rom schon so
lange und so viel verehrte hl. Cäcilia
darzustellen war.

Der reine Gesang der reinen, kleinen
Engel oben ist Wirkung, Lohn, Begleit-
erscheinung. Weil Cäcilia die sinn-
liche Hochzeitsmusik verschmäht hat und
als Echo ihres jungfräulichen innerlichen
Singens hört Cäcilia den Hochzeits-
gesang des Himmels, und auch die vier-
andern Heiligen sind voll Wonne, diesen',
himmlischen Gesang lauschen zu dürfen.
Im ersten Entwurf läßt Rafael die
Engel aus Instrumenten spielen, im
zweiten nur singen. Rafael wird sich ge-
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