Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

Seite: 33
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christliche Glaubensbegeisterung und der
benediktinische Geist sind der Strom, an
dem diese jugendliche Knospe christlicher
Kunst emporblühte.

Die Beuroner Kunst hat sich wie alles
Neue den Platz an der Sonne öfsentlicher
Gunst erst erkämpfen müssen. Es will
fast scheinen, als ob sie in katholischen
Kreisen mehr Mißverständnis begegnete,
als in andern. Reichsrat v. Betzel, Prä-
sident der protestantischen Landeskirche
in Bayern, hat sich anno 1912 in einer
Rede zu Leipzig recht anerkennend über
die Beuroner Kunst geäußert und sie
nahe an die Kunst von Fiesole heran-
gerückt („Hist.-polit. Bl." 152, 4).

Ein Feuilleton ist der „Frankfurter
Zeitung" vom 25. März 1910 gibt im
Gegensatz zu seinem früheren Urteil der
freudigen Bewunderung besonders der
St. Mauruskapelle offen Ausdruck.
„Die Kunst für Alle", diese vornehme
Zeitschrift, brachte im März 1908 eine
längere Abhandlung mit zahlreichen
Illustrationen über Beuroner Kunst,
aus der man die stille Sympathie her-
ausfühlt. Am Schlüsse wird der Wunsch
ausgesprochen, Künstler sowohl als .Käu-
fer und Besteller mögen von den Mön-
chen lernen, daß auch neue Formen kirch-
lich sein können; der feierliche
E r n st i h r e r S ch ö p s u n g e n m ö g e
d i e m o d e r n e ch r i st l i ch e K u n st
beleben. Die Ausführungen E.
Ritters im „Kunstwart" (1. Aprilheft
1913) klingen fast tvie ein Hymnus aus
die Beuroner Kunst. St. Maurus ist
ihm „ein köstliches Wunderwerk, trotz
aller blassen Theorie seiner Urheber", es
sei „feierlich, voll erhabenster Stimmung,
wie nur irgend ein gewaltiger Tempel".
Die Beuroner Kunst ist nach Ritter
„schweigende Erhabenheit, Schönheit,
aus Anbetung geboren, Stimmung des
Mysteriums".

Solcher Anerkennung gegenüber aus
fremdem Lager muß das strenge Urteil
von P. A. Kuhn in seiner „Allgemeinen
.Kunstgeschichte" auffallend erscheinen.
Kuhn rühmt zwar die Auffassung der
Beuroner Künstler als tief religiös, ernck
und würdig, die Zeichnung und Linien-
führung innerhalb ihres Ideals als sehr

rein, genau und gewissenhaft. Damit ist
sein Lob im wesentlichen erschöpft. Den
zumeist und von Anfang an gegen die
Beuroner Kunst erhobenen Vorwurf der
Steifheit inacht sich auch Kuhn zu eigen.
Schon ihr Ausgangspunkt, die heidnische
Malerei des Verfalles ft, sei kein glück-
licher gewesen. Auch die Farbentechnik
der Beuroner, der Gesichtsausdrnck der
dargestellten Personen gefällt nicht. „Es
zeichnen die Beuroner die heiligen Ge-
stalten in strenger Stilisierung, ernst,
ruhig bis zur Steifheit. Jede Falte des
Gewandes ist mathematisch gemessen, oft
genug im Gegensatz zum einfachen, na-
türlichen Fall... Die Farbenstimmung
ist oft sehr grell ft. Noch mehr weicht von
unserin Empfinden ab, daß der Gesichts-
ausdrnck meistens sehr allgemein gehal-
ten ist, ohne persönliche individuelle
Charakteristik. Kurz, die Formen Beu-
roner Bildersprache sind ein hieratischer
Dialekt, den das christliche Volk unserer
Tage nicht mehr oder doch nur schwer
versteht" (S. 1351 f.).

Popp faßt im „Hochland" (IIP Heft 7)
diese Ausstellungen in noch schärfere
Form. „Es hat sich der Beuroner Stil
auch in seinen guten Leistungen die letz-
ten zwei Jahrzehnte in eine Steifheit, itn-
körperliche Behandlung des menschlichen
Leibes und in eine Geschraubtheit der
Gebärdensprache eingeschnürt, die für
jedes künstlerisch empfindende Auge eine
Vergewaltigung bedeuten.... In St.
Gabriel (Prag) ist P. Desiderins' letzter
Stil zu einer für uns ungenießbaren Ent-
faltung gekommen. Eine derartige Ilm-
setznng der menschlichen Gestalten in fast
geometrische Gebilde, so daß die Figuren
zu Walzen und Rechtecken werden, kann
nicht mehr mit der Natnrüberwindung
der kirchlichen Kunstformen begründet
werden. Dies ist Natnrfeindlichkeit, und
die Gesamtwirkung wird eine unnatür-
liche." Anders und günstiger als

si Diese Behauptung bedürfte doch zuerst
eines Beweises. Mau lese nur die Aesthetik
von Lenz nach; sein Ausgangspunkt war
! ein anderer.

j ft Die Beuroner Farben wirken nicht
j grell, sondern nur etwas ungewohnt aufs
i Auge, weil es reine Naturfarben sinh,
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