Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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Kuhn urteilt Popp über die Beuroner I
Farbentechnik. „So fein diese Künstler!
im einzelnen koloristisch wirken und oft
jene merkwürdigen Seelenreflexe aus- j
wirken, ans die schon Goethe in seiner!
Farbentechnik hingewiesen, — daß ge- j
wisse Töne gewisse Eindrücke in uns er-
wecken, z. B. violett ein Gefühl der
Feierlichkeit, — so selten gelingt ihnen
der Ausgleich der Larbenwerte unter-
einander." Von einem namhaften
jüngeren Künstler haben wir hierüber
vor Jahren das entgegengesetzte Urteil
gehört; er rühmte gerade die Farben-
harmonie der Beuroner; Kreitmaier
stimmt dem zu. „Im Harmonisieren
der Farben," sagt er, „zeigen die Beuro-
ner feines Gefühl." Der Frankfurter
Feuilletonist spricht von „Farbenzau-
ber". Wer hat nun recht? Popp, Kuhn
oder Kreitmaier 5)?

Aus den ersten Anblick berührt die
Beuroner Malerei fremdartig. Blättert
man eine Kunstgeschichte in stillem Ge-
nießen und Vergleichen durch, oder be-
sucht man eine Kunstausstellung — die
Beuroner haben schon etlichemal aus-
gestellt, z. B. in Wien anno 1906 und in
Aachen 1907 — dann wird sich die ganze
Eigenartigkeit dieser Kunst Auge und
Geist mit Gewalt ausdrängen. Wie eine
Erscheinung aus einer anderen Welt
tritt sie uns entgegen. Aus der alt-
ägyptischen, aus der byzantinischen, aus
der griechischen, aus der romanischen
oder gotischen Kunst- nnb Formenwelt?
Nach Goethe geht eine Filiation, d. h.
eine geistige Verwandtschaft und Blut-
verbindung durch die ganze Kunst. Ver-
bindende Fäden schlingen sich von einer
Periode und einem Volk zum anderen.
Die Beuroner Kunst hat das Schönste
aus der profanen Kunst- und Formen-
welt nicht in geistlosem Eklektizismus,
sondern in freier harmonischer Gestal-
tung für das Höchste nnb Heiligste in
Dienst genommen.

Monumentale Ruhe und heiliger Ernst
sind ihre besonderen Charakterzeichen.
„Andere Werke verlangt die Erde, an-
dere der Himmel." Die Beuroner Ma-

st Heber Beuroner Farbentechnik siehe
A. Pöllmann, «Hieratische Kunst" S. 36 ss.

leret kennt keine leidenschaftliche Bewe-
gung, sie hat keine dramatischen Akzente;
die Handlung ist fast nur in die Geste,
die Handbewegung gelegt. So eignet
ihren heiligen Gestalten eine fast statu-
arische Ruhe. Diese konnte nur ein
Ist Desiderius ihnen geben, der den
Maler, Bildhauer und Architekten in
einer Person vereinigt. Sein Kunst-
kanon ist der große Schuldige an der
Beuroner Steifheit. Es ist nicht zu
leugnen, daß mit diesem Kanon in
strengster Durchführung die Gefahr der
Schematisierung, der Verhärtung und
Erstarrung persönlichen Lebens ge-
geben ist. Aber, wenn die griechische
Kunst ihn anwenden durfte und an ihm
groß geworden ist, warum sollte er Beu-
ron verwehrt sein! Popp schreibt aller-
dings: „P. Desiderius übersieht bei

! seiner Anpreisung dieses General-Rezep-
tes (Kanon) ein Doppeltes. Bei den
Aegyptern ist der Kanon eine notwen-
dige Aeußerung ihrer strengen Gesell-
schasts- und Religionslehre, die dem In-
dividuellen keinen Raum lassen. Auch ist
ihre Kunst ein Reflex ihres mathemati-
schen Genies." Was dem einen recht ist,
sollte dem anderen billig sein. P. Lenz
hat in seiner „Aesthetik der Beuroner
Schule" mit viel Geist die Gründe dar-
gelegt, die ihn zur Annahme jenes Ka-
nons führten. Dieser Kanon schließt ja
nur Urgesetze der Kunst in sich; in die-
sen Urgesetzen liegt aber die Filiation
aller Kunst. Ein allzu starkes Abweichen
von ihnen führt in die Irre °).
Kann nicht gerade eine klösterliche Genos-
senschaft wie Beuron ihre „strenge Ge-
sellschafts- und Religionslehre", die dem
Individuellen wenig Raum lassen, für
ihren Kanon in Anspruch nehmen?
Steckt nicht auch in Ist Lenz, der jenen
Kanon in vielem Studium entdeckt,
etwas von einem mathematischen Genie?
Das Gleiche gilt für Popps Aussüh-
j rungen hinsichtlich der Griechen. „Ein
einzigartiges Kunstgesühl und hohe
ästhetische Kultur" dürsten auch dem

st cfr. bas interessante Werk von P. Odilo
Wolfs „Tempelmaße", Das Gesetz der Pro-
portion in den antiken und altchristlichen

I Sakralbauten. Wien 1912,
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