Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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genialen Schöpfer der Beuroner Kunst
nicht abgesprochen werden.

Die Sorgfalt der Beuroner in Zeich-
nung und Linienführung, die Harmonie
der Maße ist etwas, was jedem kunst-
geiibten Auge sofort auffällt und ihren
Bildern eine abgeklärte, fast klassische
Schönheit gibt. Strenge Zeichnung und
Harmonie der Maße find in der Zeit des
Amorphismus, der alle festen Formen
und Linien anflöst, geradezu eine Kunst-
notwendigkeit. Wenn man von Corne-
lius einst tadelnd bemerkte, ein Maler
sollte malen können, so könnte man von
der heutigen Kunst vielfach umgekehrt
sagen, ein Maler sollte zeichnen können,
denn die Zeichnung ist auch beim Ge-
mälde immer das Erste, das Knochen-
gerüste, welches die Farbe mit warmem
Fleisch umkleidet.

Monumentale u n b primi-
tive Kunst - werden neuestens erstrebt.
Beuron kommt zu Ehren. „Eine gewisse
Aktualität gewannen die Bilder der Beu-
roner und weckten in jüngster Zeit erhöh-
tes Interesse, da durch einen Teil der
modernen Kunst ein ausgesprochen ar-
chaistischer Zug geht" (Kuhn S. 1352).
Aehnlich der Frankfurter Feuilletonist:
„Auch über den ganz besonderen Farben-
zauber staunt man, und nicht zuletzt
darüber, daß diese etwa vierzig
Jahre alte Kapelle (St. Mau-
rus) völlig modern ist, ein
Vorläufer mancher Bestrebungen un-
serer Tage." Auch Hodlers Parallelis-
mus kann man in der Beuroner
Kunst finden. Daß Fritz Kunz, dem
Kuhn freundliches Lob spendet, von
Beuron gelernt hat, dürste bei aller Ver-
schiedenheit seiner Technik nicht wohl be-
zweifelt werden. Die Moderne sucht
einen neuen Kunststil, scheint ihn aber
nicht finden zu können, wenn auch ihre
Fortschritte in der Farbentechnik, in der
eigentlichen Malerei gerne zugegeben
werden. Die Beuroner haben einen
Kunststil geschaffen, der ihr eigenstes
Werk ist, und es ist zu wünschen, daß
er fortlebe, denn er ist und wird sein ein
Gesundbrunnen für die christ-
liche und kirchliche Kunst.

Weit milder und günstiger als Kuhn
und Popp urteilen über die Beuroner

Kunst Bischof Dr. Paul Keppler und
I'. Kreitmaier, K. J.7). Bischof Keppler
war der erste und bedeutendste Herold
dieser neuen Kunst, und P. Kreitmaier
hat vor kurzem eine ausgezeichnete
Studie veröffentlicht (Stimmen ans
M.-L. Bd. 86, 1. 1913/14, S. 48—66),
die mit zum Besten gehört, was über
Beuroner Kunst geschrieben wurde.
Keppler und Kreitmaier sind weit ent-
fernt, alles, was die Beuroner geschaffen
haben, vollkommen und lobenswert zu
finden. Sie verkennen die Gefahr nicht,
welche der Beuroner Kunst von dem
Lenzschen Kanon droht. Bischof Keppler
sagt z. B.: „In der Stellung und Hal-
tung möchte man vielleicht mitunter
manches steif finden, dem Moment, dem
Affekt nicht angemessen. Es wird auch in
der Art zuzugeben sein, daß in manchen
Kompositionen, namentlich der ersten
Zeit, das Prinzip des Ernstes und der
Ruhe mitunter übermächtig wurde über
das Prinzip der Wahrheit und Natiir-
tichkeit" (Die XltY Stationen des hei-
ligen Kreuzwegs... S. 46). An ein-

st Auch Dr. Walter Rothes in seinem
„Christus" hat für die Beuroner Kunst
freundliche Worte. Er sagt von ihr, als
Ordenskunst nehme sie eine Sonderstellung
ein. „Sie will durch bewußtes Betonen des
über dem Gefühl stehenden Unpersönlichen
und Gesetzmäßigen, Erhabenen und Hiera-
tischen doch gefühlvoll und persönlich wirken.
Wir haben bewußt Ordenskunst, Klosterkunst
vor uns, die eben als solche bei allem Sche-
matismus originell ist. Wer von benedik-
tinischem Geiste durchdrungen ist, auf den
vermag sie in dem -beabsichtigten Sinne wohl
zu wirken" (S. 192). Uebrigens korrigiert
und mildert Kuhn selbst sein Urteil über
Beuroner Kunst in „Moderne Kunst- und
Stilsragen", wo er S. 6-2 schreibt: „Echte,
primitive Malerei, wie sie z. B. von der
Beuroner Malerschule geübt wird, besonders
wenn sie sich, wie aus Montecassino, der
musivischen Technik bedient, kann man sich
gefallen lassen und i h r h olh e ä st h e t i s che
Vorzüge z u e r k e n n e n." '(Sin überaus
günstiges Urteil fällte P. Kuhn über die Pläne
und Farbenskizzen zu der von Bischof Netz-
hammer in Bukarest erbauten Basiliuskirche.
Pläne und Skizzen stammten von dem Beu-
rouer Maler P. Andreas Göser. Kühn schrieb
darüber an den Bischof, daß „alles mit
Geschick und großer Sachkennt-
nis durchgeführt und daß Stim-
mung und Harmonie vortreff-
lich sei." (Raymund Netzhammer, Aus
Rumänien, II. Band S. 180 f.)
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