Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

Seite: 36
DOI Heft: 10.11588/diglit.16255.11
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16255.13
DOI Seite: 10.11588/diglit.16255#0039
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1915/0039
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
36

derer Stelle aber sagt Keppler: „Wenn
dem Affekt und der Leidenschaft die Zü-
gel nur insoweit freigelassen werden, als
für deutliche Schilderung erforderlich ist,
so ist das nur zu billigen" (S. 46). Kreit-
maier erklärt das so viel getadelte
Steife, Eckige, Einförmige, Typische
„als bewußte und dem Prinzip nach be-
rechtigte, künstlerische Absicht" (1. e.
S. 52). Uebrigens sind die Beuroner
selbst von ihrer Kunst nicht derart ein-
genommen, daß sie der Kritik keinen
Tadel gestatten würden. Sehr vernünf-
tig schreibt I5. Janssens: „Wir wollen

nicht behaupten, daß wenigstens in eini-
gen Werken der Beuroner Schule kein
Auswuchs und kein Zuviel sich finden
würde entweder in übermäßiger geo-
metrischer Strenge oder in offenbaren j
ägyptischen Reminiszenzen." Er würde.
jene verstehen, die der Beuroner Kunst
einen weniger Pharaonenhaften und
mehr fiesolesken Charakter wünschten,
daß sie weniger inspiriert wäre von der
Feierlichkeit des Alten Testamenres und
mehr von der Milde des Neuen. Aber
nicht verstehen könne er die Gleichgültig-
keit, auch in katholischen Kreisen, gegen-
über der vornehmen Erhabenheit, dem
mystischen Duft, der keuschen Schönheit
und der himmlischen Begeisterung dieser
Kunst 8).

Kuhn tadelt an der Beuroner Kunst,
„daß der Gesichtsausdruck meistens sehr
allgemein gehalten ist, ohne persönliche
individuelle Charakteristik". Popp trifft
auch hier mit Kuhn zusammen. Er
spricht, wie oben erwähnt, von geometri-
schen Gebilden, und auch beim Stutt-
garter Kreuzweg erscheint ihm eine
Reihe von Gestalten zu gleichförmig und
deshalb unwahrscheinlich oder doch er-
müdend. Selbst bei den heiligen Figu-
ren von St. Maurus, für das er sonst
Töne höchsten Lobes hat, erscheint ihm

8) „Non vogliamo qui pretendere che,
almeno in alcune opere della Scuola di
Beuron, non vi sia nulla di eccessivo, o
per troppa rigidezza geometrica, o per
reminiscenze egiziane troppa palesi . . .
un carattere un poco meno faraonesco e
un poco piü fiesolesco, un poco meno ispi-
rato alla solennitä dell’Antico Testamento
et un poco piü alla dolcezza del Nuovo.“
( Arte Cristiana I, 6, p. 183 f.)

da und dort „das Einzelne hart oder
schematisch". Aber er findet im genann-
ten Kreuzweg auch wieder „Gestalteu
von ergreifendster Plastik". Anders ur-
teilt Bischof v. Keppler. „Zur wahren
Schilderung," sagt er, „gehört vor allem
scharfe, tüchtige Charakterisierung der
Köpfe; ohne sie versteift sich die Kunst-
sprache ins rein Typische; eine Vir-
tuosität in der Jndividuali-
s i e r u n g und Charakterisierung der
Gesichter ist der Beuroner Schule nicht
abzusprechen" (l. e. S. 46).

Ein diametraler Gegensatz der An-
schauung! Die Beuroner Heiligen sind
freilich nicht aus der Wirklichkeit entnom-
men. Realismus im gewöhnlichen Sinne
ist dieser Malerei fremd! Ueber die Beu-
roner Heiligen ist der Glanz ewiger Ju-
gend, vorsündliche Schönheit, die Ruhe
und der Friede der Ewigkeit ausgegos-
sen. Sie repräsentieren nicht das lär-
mende Alltagsleben, sie repräsentieren
eine Idee, das christliche Ideal °). Sie
sind wie Erscheinungen aus einer höhe-
ren Welt, „ihr Wandel ist im Himmel".
Wie Fiesole, so haben ailch die Beuroner
ihre Gestalten im Himmel geschaut, so-
weit dem intuitiven, frommen Künstler-
geifte der Blick ins Jenseits gestattet ist.
Dieser höchste Idealismus, der seine

's Der männliche Jdealmensch ist den
Beuroner Künstlern Christus, nicht bloß im
religiösen, sondern im künstlerischen Sinne;
der weibliche Jdealmensch ist ihnen Maria.
In Jesus und Maria schließt sich ihnen die
Menschheit künstlerisch zur Einheit zusam-
men. Christus ist für Beuron die große
Synthese in der Kunst, gleich wie er es für
unsere schwäbischen Konvertiten Albert Hetsch
in der Wissenschaft, besonders in der Philo-
sophie war. Christus „ist die Lösung aller
Probleme, die sich das menschliche Denken
stellt" (Hetsch). Für diesen Idealismus sollte
auch P. Kuhn zum wenigsten das gleiche Ver-
ständnis haben, wie für denjenigen von
Puvis de Chavannes. „Puvis schildert ein
abgeklärtes, ideales Dasein, er gibt nicht
Ausschnitte aus dem Leben, sondern das Er-
gebnis, die Quintessenz des Lebens. Seine
Personen kennen nicht die Leidenschaften
der gewöhnlichen Sterblichen, sie bewegen sich
in einem idealisierten Dasein. Puvis'Kunst
ist daher wesentlich symbolisch, aber innerlich
so wahr, so wirklich, daß sie den Beschauer
mit einem geheimnisvollen Zauber gefangen
nimmt" (Allg. Kunstgeschichte S. 1242). Das
gilt doch in seiner Art alles auch von der
Beuroner Kunst und noch mehr.
loading ...