Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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dialektische als eine reale. Kreitmaier
fragt: „Gibt es überhaupt eine hiera-
tische (latreutische) Kunst? Was ist
menschliche Musik und Farbe für
Gott")?" Wie alle religiöse Kunst, so
soll auch die Malerei erbauen, Gedanken
der Ewigkeit zuführen, Impulse zur Tu-
gend und Heiligkeit geben. Wer wollte
dies der Beuroner Kunst absprechen?

Sie ist auch nicht „raffaelisch weich".
Sie hat etwas Kraftvolles, Kraftvolleres
auch als die Kunst von Fiesoie. Kreit-
maier hebt die gegenseitigen Beziehungen
zwischen dem Künstler des Dominikaner-
ordens und denen des Benediktiner-
ordens hervor. Wieder eine Merkwür-
digkeit. Mehoffer stellt Fiesole in Gegen-
satz zu Beuron. „Fra Angelico war ein
großer und individueller Künstler, wie
sollte aber in demselben Atem die Schule
der Benediktiner in Beuron genannt
werden?" (Bei A. Pöllmann l. S. 30.)
Man betrachte doch nur einmal die Beu-
roner Madonnen und das Hochaltarbild
der Abteikirche, und man wird finden,
daß sie ihren Vorgang bei Fra Angelico
haben.

Die Beuroner Kunst ist voll Kraft, ist
voll Schönheit, aber kräftiger Schönheit.
Alles sinnlich Weiche ist von ihr fern-
gehalten. Das Schöne ist freilich hentzu-
tage in der Kunst vielfach verpönt und
soll dein Charakteristischen geopfert wer-
den. Doch wird niemand im Ernste

n) In dieser scharfen Fassung ist dies
Wort mißverständlich und auch unrichtig.
Menschliche Musik und Farbe bedeutet für
Gott freilich nichts, wohl aber der Geist des
Glaubens und der Anbetung, der sich der
Musik und der Farbe zur Verherrlichung
Gottes bedient. Insofern gibt es eine latreu-
tische Kunst. Andernfalls müßte man die
Möglichkeit bestreiten, daß der Menschen-
geist in Beziehung tritt zum Gottesgeist, wie
dies in der Anbetung und im Gottesdienst
auch durch das Mittel der Musik und der
Farbe geschieht. Aber ebenso sicher ist, daß
es keine rein latreutische Kunst gibt, da sich
die Erbauung nicht von ihr trennen läßt,
wenigstens nicht von wahrer christlicher Kunst.
Denn im Gottesdienst gibt der Mensch und
auch der Künstler das Höchste und Beste,
was er in seinem Innern trägt. Dies
Höchste und Beste wirkt aber notwendig ver-
edelnd, reinigend und heiligend auf den
Hörer und Beschauer zurück. Das aber ist
Erbauung.

Goethe widersprechen wollen, wenn er
sagt: „Das Schöne muß befördert wer-
den, denn wenige stellen es dar, und viele
bedürfen es."

Worin liegt die Schönheit der Beuro-
ner Kunst? Wir wollen von aller äuße-
ren itni) formalen Schönheit ab sehen ilnd
nur die innere Schönheit in Betracht
ziehen. „Das Schöne will das Heilige
bedeuten." In diesem Dichterwort scheint
uns die beste Antwort auf jene Frage ge-
geben zu sein. Pater Janssens nennt die
Beuroner Kunst „eine erhabene Jung-
frau, bescheiden und züchtig bekleidet
mit heiligem Schleier" (,,una vergine
sublime modestamente coperta di
un sacro velo“). Pöllmann findet
in ihr „das Schönheitsideal des flecken-
losen Paradieses!" Die Beuroner Kunst
ist die verkörperte Reinheit, Demut,
Frömmigkeit und Selbstverleugnung. I.
F. v. Böhmer, der berühmte Historiker,
hat das merkwürdige Wort geschrieben:
„Die echte Kunst ist eine Predigt des
Evangeliums, d. h. der Demut und
Selbstverleugnung." Dies ist auch die
Kunst von Beuron.

Der hl. Bernhard hat sich einst in schar-
fem Tadel ergangen gegen die benedik-
tinifche Kunst von Cluny. Die Höhe der
Kirche, ihre übermäßige Länge, ihre
punkthafte Ausschmückung, ihre reichen
Malereien, welche den Blick der Gläu-
bigen anziehen und ihre Andacht zer-
streuen, — all dies erregte das Mißfallen
des Heiligen. „Man stellt Bilder der
Heiligen ans," sagt er, „je mehr sie ge-
schmückt sind, desto ehrwürdiger erschei-
nen sie. . . . Was erwartet man von all
dem? Die Reumütigkeit der Besucher,
oder ihre Bewunderung?" (Apolog.
Kap. XII. n. 28.) Die rigorose Strenge
des Abtes von Citeaur ist bekannt; sein
Kampf gegen Cluny war auch von einer
gewissen Rivalität nicht frei. Die Kunst
ist freilich ein Luxus des Geistes, aber
ein berechtigter und notwendiger. Wenn
man, um ihn zu genießen, wie der große
Heilige warten wollte, bis alle Armut
von der Erde verschwunden wäre, so
müßte der menschliche Geist einen der
feinsten Genüsse entbehren und die
Kirche ein mächtiges Mittel für die er-
bauliche Feier ihrer Liturgie. Würde der
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