Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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über die Alpen und Vogesen, nicht cmt
wenigsten gerade im Heimatland des
Dreikirchendorfs. Ich las einmal
irgendwo die Inschrift:

„Wer so baut,

Der Zukunft traut."

Die Bauherren, die also bauen ließen,
die in Oberschwaben besonders, haben
fiirwahr der Zukunft getraut, bar jeder
Vorahnung der manchen allzu nahen
Zerstörnngsgewalt der Säkularisation;
auch die Baumeister und das ganze
Heer der in jenen baulustigen Zei-
ten des Barocks tätigen Künstler und
Kunsthandwerker glaubten für die Zu-
kunft zu bauen; sie durften wähnen,
lebenskräftige Zweige dem alten Stamm
heimischer Knnstweise einzupfropfen,
über die engen Schranken der Zeiten und
Völker hinweg dauernde Werte im lich-
ten Reich des Schönen, echt künstlerische
und echt deutsche zu schaffen.

Wie kommt es, fragen Unr Noll Stau-
nen, daß wir abseits von jenen all-
gemein bekannten großen Kultur- und
Kunstzentren des Barockzeitalters, wie
Weingarten, Ochsenhausen, Zwiefalten
u. a., eine so auffallend reiche Fundstätte
jener Knnstübung besitzen sollen? Um-
mendorfs Geschichte löst das Rätsel
seiner eigenartigen kunsthistorischen Ent-
wicklung. Diese zeigt uns das einfache
Bauerndorf in jahrhundertelanger Ver-
kettung mit einer jener kunstliebenden
und kunstfördernden Mächte, die Ober-
schwaben zum klassischen Fundort des
Barock und Rokoko gemacht, mit der ur-
alten Benediktinerabtei Ochsenhansen.
Bei unserer Wanderung durch die drei
Kirchen Ummendorfs gehen wir von den
Denkmälern aus, wie sie jene Zeit
hinterlassen hat, müssen aber, durch die
Monumente selbst veranlaßt und durch
neugefnndene Dokumente unterstützt,
unsere Blicke nach rückwärts ltnb vor-
wärts richten. Aelteste Vergangenheit
und jüngste Gegenwart also zu verknüp-
fen, nötigt uns historische Orientierung
itnb verschafft uns neben exakterer Auf-
nahme, besserem Verständnis der Denk-
mäler mancherlei Berichtigung über-
kommener Jrrtümer und Aufhellung
bisher dunkler Punkte.

I.

Die Pfarrkirche in Um m e n -
d o r f.

Mitten im Dorf steht, umgeben von
einem ummauerten Gottesacker, die
Pfarrkirche. Weithin sichtbar im Riß-
tal, durch ihre Höhen- und Längenmaße
ausfallend, bildet sie, fürwahr ein tem-
plum peramplum, mit ihrem himmel-
ansteigenden Turm ein Wahrzeichen der
ganzen Gegend. Das Innere noch mehr
als das Aeußere zeugt von verhältnis-
mäßig jugendlichem Alter des jetzigen
Baus. Wir sehen ein einschiffiges Lang-
haus mit wenig ausladendem Querschiss
und ungewöhnlich langem, nur wenig ein-
gezogenem, halbrund abschließendem
Chor, das Ganze von einer Länge von
43,7 in und 16,4 in Breite, 14 in
Höhe, flankiert von einem freistehenden,
durch die Sakristei mit dem Südchor
verbundenen Glockentnrm. Dem ein-
fachen, durchaus jeglicher Ueberladung
fernen Innern entspricht das A e u ß e r e
durch seine geringe Gliederung: Lisenen
ohne Gnrtgesims, Zwerchgiebel des
Querhauses, Wasserschlaggesims an der
Fassade, Südosttnrm in abgeschrägtem
Viereck, das oberste Vollgeschoß mit
hohen Bogenfensterw zwischen Eck-
pilastern, Kämpfergesims mit Scheitel-
zier, dazwischen die Uhr in das elegant
profilierte Kuppeldach einschneidend, ge-
krönt vom hohen Spitzhelm. Ein Blick ins
Innere überrascht durch die Einheitlich-
keit der Bauweise, die Weiträumigkeit
des Bauwerks, durch dessen Hallen Licht
von allen Seiten flutet; wohin das Auge
schaut, öffnen sich Nieite Dimensionen,
über das gewöhnliche Maß einer Torf-
kirche hinausragende Größenverhält-
nisse von architektonischem, plastischem
und malerischem Schmuck; fast alles trägt
das Gepräge eines der jüngsten Knnst-
stile vom Anfang des letzten, Ende des
vorletzten Jahrhunderts, Louis XVI
und Empire, französischer Klassizismus.

1.

Laut der kürzlich aus Privatbesitz
erworbenen P f a r r ch r o n i k H wurde

st Die wertvolle Handschrift in gepreßtem
Ledevband mit Einträgen kam 1696—1822
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