Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

Seite: 50
DOI Heft: 10.11588/diglit.16255.11
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16255.14
DOI Seite: 10.11588/diglit.16255#0053
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1915/0053
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
50

Biberach, Laupertshausen, Eberhardzell
eingepfarrt sind. Die ungewöhnliche
Länge, Breite und Höhe des Chor Z vor
allem erinnert an klösterliche oderoierar-
chisch-liturgische Verwendung, wie sie
oberschwäbische Prälatensitze austoeisen.
Ans hohen Stufen steigt man zuin
H 0 ch a l t a r, einen: der Empirezeit ent-
sprechenden, nüchternen Aufbau; dessen
Rechtste bildet das kolossale Stuck-Relief
der Hinterwand nsit dem Bild des Jo-
hannes Evangelista ans Patinos, einge-
rahmt von einer gewaltigen Tafel mit
Empireeinfassung, Dreiviertelrelief, aus
SKckmarmor, mit zwei zierlichen joni-
schen Säulen eingefaßt nnb vom
Agnus Dei gekrönt. Der Kirllien-
patron schwebt in Vollgestalt mit dem
Adler in den Lüften; Engelsköpfe be-
leben die Fläche. Die buntfarbige,
dunkle Bemalung aus neuerer Zeit, wohl
gleichzeitig mit der größeren Restaura-
tion 1878—1880 unter Pfarrer Job.
Bapt. Müller, entspricht nicht der Far-
bengebung des Klassizismus.

Den imposanten Bau des Hoch-
altars krönt eine große Vase, die an
die Decke des Chors stößt; ein ähnliches
Paar stand ans halber Höhe desselben,
Ux> jetzt die zwei Bischofssiguren auf-
gestellt sind. Engel schwingen Girlanden
zu beiden Seiten in dieser schwindelnden
Höhe; darunter ist jetzt eine metallene,
im Feuer vergoldete, große Nachbildung
der Blutrelique von Weingarten ange-
bracht. Die abgenommenen Kolossal-
vasen wurden längere Zeit an der Kom-
munionbank anfgesteltt. Jetzt sind sie
verschwunden; die zlvei Holzleuchter sind
eine bessere Zier.

Das über das Mittelmaß anderer hin-
ausragende, wohl dem l7. oder 18. Jahr-
hundert angehörende K r e n z b i l d ist
ebenfalls eine Stiftung des Pfarrers
Müller von Ummendorf (1861—1870-.

Diesen gewaltigen Altaraufsatz flan-
kieren zil beiden Seiten zwei K o los-
f a l st a t u e n auf mächtigen Postamen-
ten von zirka drei Meter Höhe, in Holz
geschnitzte, buntbemalte Gewandfiguren
in reicher barocker Einzelausstattung.
Es sind zwei Bischöfe, beide mit Mitra
und Hirtenstab, der linke mit Buch und
Engel, der rechte mit dem Schwert, wohl
Angustin und Bonifatius. Sie sind nach

glaubwürdiger Ueberlieferung erst später,
erworben von Pfarrer Müller, an
die Stelle von Kolossalvasen taleich
dem Oberaufsatz) hingekommen, wohl aus
anderer Kirche übertragen. Viel erinnern
sie an die Obermarchtaler Hochaltar-
figuren. Den Tabernakelaltar selbst, des-
sen Türe am Rand Goldblech mit getrie-
benen Ornamenten einfaßt, umgeben vier
kleinere Holzfiguren in echtester Rokoko-
manier, eher alttestamentliche Propheten
als Apostel, in verschiedener Akrobaten-
stellung, ohne jedes Emblem. Sie
stammen ans der alten Kirche oder sind
von anderswo nach deren Brand gekauft
oder geschenkt. Den Tabernakelaufbau
krönt eine K r e u z i g n n g s g r u p p e.
Maria urtb Johannes umstehen in ruhi-
ger, aber doch ausdrucksvoller Gebärde
das Kreuz. Einen etwas eigenartigen
Schmuck bilden zwei schmale, hohe Holz-
ständer, die je vier geschnitzte Rundreliefs
mit Szenen ans dem Leben Jesu dar-
stellen, letztere etwas ungelenke, unfeine
Arbeit. Auch die A l t a r l e u ch t e r aus
Metall, ältere Originalarbeit im Rokoko-
stil, sind beachtenswert als Werke feiner
Kleinkunst. Eine Hauptzierde dieses
Pontifikalraumes sind die zwei hölzernen
Altar st ufenleuchter und sechs
etwas kleineren Altarleuchter, klassische
Schöpfungen des Empire, ob man den
reichgeschmückten Fuß mit seiner Mä-
ander-, Rosetten- und Girlandenzier
(drei pilastergeschmückte Füße tragen das
Ganze) oder den schlanken Aufbau voll
zierlicher Einfachheit mit vier Leuchter-
armen bewundert. Die Höhe beträgt
2,40 Meter; der Fuß mißt im ganzen
Umfang 2,20 Meter H.

Einer Kathedrale würdig erscheint,
vollends an Festtagen, das hohe Gottes-
haus und sein Hochaltar, wenn er im
Schmuck der neu gerichteten Metallzierat
prangt. Außer den erwähnten Empire-
leuchtern aus Holz stehen vier Paare
hoher Silberblechleuchter in zierlichem
Rokoko mit reichster Ornamentik zur
Verfügung, sodann zwei Paare Ständer
in Monstranzenform, Vasen, die in Me-
tall getrieben, in Verschlungenstern

st Der Jnventarband Biberach hat sie der
Erwähnung und Abbildung für wert er-
achtet, S. 230 (Zeichnung von Cades).
loading ...