Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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Durcheinander Blumen, Girlanden und
andere Motive als Ersatz für lebenden
Pflanzenschmuck darstellen. Dazu kommt
noch ein ebenfalls aus der Rumpelkam-
mer hervorgeholtes Rauchfaß größeren
Umfangs in Louis XVI., und ein Weih-
rauchfchifflein in Rokoko. Aehnliche Or-
namente zeigen die drei Kanontafeln,
deren Rahmen ebenfalls der verständnis-
vollen Renovation unter Pfarrer Wiest
ihre Wiederverwendung verdanken. Zu
dem also vermehrten Kirchenfchatz gehören
noch zwei Kelche und ein Ciborium ganz
im Louis XVI.-Stil des Gotteshauses,
in reicher, getriebener Arbeit, eine alte
Monstranz in Sonnenform neben einer
neugotischen, und ganz in Größe und
Form einer solchen eine große Kreuz-
partikel. Empirestilart verrät end-
lich die stark gerundete und geschweifte
Ewiglichtampel.

Durch diesen weiten Chor flutet Helles
Licht von beiden Seiten durch je drei
Fenfterreihen; jedesmal ist über einem
breiten Rundfenster, im Kleeblattbogen
abschließend, ein höheres Rundbogen-
fenster angebracht. Daß beide Madonnen-
fenster übereinander angebracht sind, ist
zunächst anfechtbare Häufung, gibt aber
doch einen guten Sinn, wenn man über
den Zusammenhang von Immaculata
und Afsumpta nachdenkt. Tie zwei dem
Hochaltar nächsten unteren Fenster fül-
len Glasgemälde: links die Madonna
Sixtina, rechts die Szene der Segnung
der Kinder in dem zu dunklen Kolorit
der Glasmalerei des vorigen Jahr-
hunderts. Die oberen zwei Fenster haben
wie im untersten Teil kleine Glas-
gemälde am Fuß des langen Teppich-
mnsters, links Maria auf der Weltkugel
mit Lilienstengel in der Hand, umgeben
von einen: Säulenthron, rechts der gute
Hirte. Die untere Wand des dreiseitig
abschließenden Chors bedeckt bis zu
Fensterhöhe das Chorgestühl, eine
neue, bei der Kirchenrestauration unter
Pfarrer Wiest bestellte Holzverkleidung,
die Kunstschreiner Walz anfertigte nach
Entwürfen von Herrn Zeichenlehrer
Stetter in Ehingen. Entsprechend den
alten, einfachen Stühlen wurde die Rück-
wand der vier Bankreihen und die Chor-
wand um den Hochaltar in Farbe, Or-

nament und Füllung angelegt. Die Rück-
wand des Levitensitzes, wo ehemals der
Abtsstuhl mit dem noch im Hakenansatz
sichtbaren Baldachin stand, wurde gleich
der Sakristeitüreinfassung reicher gestal-
tet mit Girlanden haltenden Engeln
und Medaillonaufsatz (Abtswappen

von Altnmmendorf, gemalt). Die

vier reizenden Engelkinder che n,
die (neue) Blumengewinde halten um
die Medaillons über Sakristei und Le-
vitensitz, sind von Pfarrer Wiest aus
einer Altertumssammlung angekauft und
haben die köstlichste Verwendung gefun-
den. Man glaubt sich in die Klosterzeit
vor über 200 Jahren versetzt und den Ab-
bas Ochsenliusamis von seinen: Präla-
tensitz durch den hohen Chor einziehen zu
sehen. Die Musterleistung eines Land-
schreiners erinnert an gute alte Kloster-
traditionen. Wenig hervorstehende
jonische Pilaster tragen das flache, weit-
gespannte Gewölbe mit Stichkappen über
den Fenstern. Zwischen den Gurten an
der Wölbung sind in Medaillons ge-
malt die leiblichen Werke der Barmher-
zigkeit, sinnig an das Leben der hl. Eli-
sabeth von Thüringen angeschlossen, und
im Hauptfeld der Decke eine große Szene:
Die Bergpredigt. Diese Wandgemälde
stammen von Maler Alois Freidel von
Söflingen, der sie 1874 ausführte, nicht
unwürdig des Bauwerks, doch weit ent-
fernt von der Bravourtechnik der Meister
der Barockzeit. Den Raum zwischen de::
oberen und unteren Fenstern füllen Oel-
gemälde und Brustbilder der Apostel in
hübscher Originalrahmung und in der
! gleichen Manier Porträt C h r i st i des
Erlösers mit dem Kreuz in der Linken.
Ebenfalls in: Chor aufgehängt ist ein an-
deres Oelbild von gleicher Größe, aber
: einfacherer Umrahmung: Christus in

j Brustbild mit Spottmantel, die Hände
gefesselt. Diesem Christusbild gegenüber
auf der anderen Seite hängt ein etwas
größeres Oelgemälde, die Kreuzigung
Christi, figurenreich und ausdrucksvoll,
aber die Farben teilweise stark verblichen.

Durch den abgerundeten, flachen Chor-
bogen, an dem ein großes, modernes
Kruzifix hängt, über dessen Mitte das
' W appe n der Metternichschen Guts-
! Herrschaft, der Erbauerin der Kirche, in
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