Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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retcfjem Stuck rühmen angebracht ist,
treten wir in das kiirze Querschiff, das
nur etwas über 9 Meter in die Länge
sich erstreckt und den Chor (14,30 Meter-
breit) etwa ltiit 4 Meter an Breite über-
trifft, das Mittelschiff nur um 2 Meter,
also wellig ausladend ist. Ein einziges
Stichkappengewölbe spannt sich etwas
weiter als die drei anderen Gewölbejoche
des Langhauses mit ihren breiten Gurten
über diesen intimeren, reicher ausge-
schmückten Zwischenraum. Nicht weniger
als vier Altäre fällen die Wände, ein
fünfter, erst unter Prälat Hofele auf-
gestellter Altar, mit der Statue des hl.
Herzens Jesu, in Holz geschnitzt von
Schnell in Ravensburg, steht unter dein
Chorbogen. Ebenfalls neu find die zwei
Seitenaltäre an der Chorbogen-
wand, rechts St. Sebastian, zwischen St.
Markus und Lukas, holzgeschnitzte Fign-
ren und Altäre in der steifen Leblosigkeit
der Jmitationskunst des ausgehenden
letzten Jahrhunderts, würdig der arm-
seligen Umrahmung im Renaissanceab-
klatsch, links St. Agatha zwischen Mat-
thäus und Johannes. Sic stammen aus
der Werkstätte des Bildhauers Maier in
Saulgau und sind wohl in Erinnerung
an die oben nach der Ortschronik ange-
führten früheren Altäre der alten Kirche
aufgerichtet worden unter Pfarrer Mül-
ler. Erfreulich daran sind nur die Ka-
nontafeln, deren Druck köstliche farbige
Rokokoleisten und Empirerahmen in
Holz anszeichnen, lieber beiden Altären
sind von den alten Altären der ab-
gebrannten Kirche je ein großes A ltar-
bla t t (zirka 4 Meter hoch, 2,5 Meter-
breit) angebracht in kostbarer durchbro-
chener Umrahmung: links Tod Mariä,
mit Apostel- und Engelsfiguren reich be-
lebt und voll bewegtem Affektsausdruck,
rechts Tod Josephs, umgeben von Maria
und Jesus und Engeln, darüber Gott
Vater in den Wolken. M. Jakob hat
1870 nach der Aufschrift die beiden kolos-
salen Oelgemälde restauriert. Das
Rechteck der Bilder schließt in gebroche-
nem Kleeblattbogen ab.

Ursprünglich sind die beiden ande-
ren Seitenaltäre an der Längswand des
Querschiffs zwischen zwei ganz kolorier-
ten Glasfenstern der unteren Reihe

(links: Mariä Verkündigung und Krö-
nung, rechts: Abendmahl und Herz-Jesm
bild). Ganz im Stil des Hochaltars,
nur in kleineren Maßen, erheben sich diese
Stnckmarmoraltäre, aber in etwas nüch-
ternen nnb trockeneren Formen: In vo-
lutengeschmückter, giebelgekrönter Mar-
nwrplatte eine hohe, schmale Nische mit
den wenig überlebensgroßen Figuren:
St. Joseph (ohne Jesuskind) und Maria
mit dem Kinde, je mtf Postamenten, dar-
über Girlande, durchbrochener, geschweif-
ter Giebel mit Engel am Rand; darüber
mit vasengekröntem Aufsatz: Obelisk und
Urne. Immerhin offenbaren diese Schöp-
fungen des Klassizismus des beginnen-
den 19. Jahrhunderts inehr Geist und
Leben als die hölzernen — im eigent-
lichen und uneigentlichen Sinn genom-
men — Altarbauten des auf Imitation
sich verlegenden Neugotizismus von der
Mitte und dem Ende desselben. Daß diese
letzteren als „Lückenbüßer" von Pfarrer
Müller (1851 1879) gestiftet seien, ver-
rät Hofeles Kreuzbergbeschreibung nicht
mit Unrecht.

Der eigenartige Stil dieser beiden
alten Seitenaltäre stimmt ausfal-
lend mit einem Teil der Alabasteraltäre
in der Klosterkirche in SalemH über-
ein; man vergleiche nur z. B. die 1782
eingeweihten Altäre des hl. Michael und
Sebastian, oder den 1780 zu Ehren der
nnbefleckten Empfängnis konsekrier-
ten Altar mit den: Bild der Jm-
maculata auf kannelliertem Pilaster-
stumpf in der Nische. Diese Arbeiten in
Salem stammen von dem Meister der
klassizistischen Dekoration Feuchtmayer;
seit 1774 arbeitete der aus Weilheim in
Bayern gebürtige I. G. Dürr (1723
bis 1779). Die ganz gleiche Ausmachung
des Klassizismus in Architektur, Plastik
nnb Dekoration kehrt wieder in Ummen-
dorf. Bei dieser merkwürdig seltenen
Uebereinstimmung in selten vorkommen-
den Stileinzelheiten ist cur Ausführung
durch gleiche Meister oder Schülerwerk-
statt oder aber an Vorlage gleicher Zeich-
nungen zu denken.

Im südlichen Querhaus, gegen den

9 Abbildung in Kick und Pfeiffers Monu-
mentalwerk über Barock usw. Tfl. 72 und 74.
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