Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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kiel in Ochsenhausen) das gegebene Ver- '
sprechen nicht hielt, bezahlte, im ganzen
800 fl. Die fetzige Orgel mit 28 Registern
ist neu, von Weigle in Ludwigsburg.
Alt dagegen ist das barocke Orgelgehäuse, !
es hat korinthische Pilaster, Aussatzher-
men, reiche Eckornamentik. Das pracht-
volle, in Farben und Dekoration hervor-
ragende Gehäuse ruht aus' sechs
mit Engelsköpfen gezierten Konso-
len, sechs Pilaster gliedern den Psei-
senkasten, zwei Engelhermen-Rahmen
überragen sie als Träger des Ge-
bälkes, ornamentreiche Eckvoluten mit
Engelkindern in der Mitte bilden an
beiden Seiten den Abschluß. Als Aussatz
krönen das Werk zwei gebrochene Giebel
mit je zwei Engelkindern auf den Ecken
in tollkühner Bewegung. An der Wand
der Empore hängt ein Tafelbild, Brust-
bild des hl. Johannes Nepomuk.

In den Ecken auf dem Säulengesims
der hintersten Pfeiler stehen in schwin-
delnder Höhe zwei größere Engelssign-
ren in Weiß; sie haben früher den Chor-
bogen zu beiden Seiten des ebenfalls
gleichzeitigen großen Kruzifixes ge-
schmückt.

Keine Zierde für die alte monumentale
Landkirche bilden die trotz mancher Räu-
mung immer noch 31t zahlreichen neuen
Statuen und Statnettchen, Bilder und
Bildchen an Wänden und in Ecken, die
allerlei Zwecken der Privatandacht von
Stiftern und Pfarrkindern dienen soll-
ten: Grabchristus von Lämmle in Her-
bertingen, Lourdesstatue (ans Frank-
reich), Franz von Assisi und Antonius
von Padua ctu§ Mayers Atelier (Mün-
chen), Herz-Maria-Statue von Stärk
(Saulgau), die Immakulata von Hos-
meister in Rottenburg, die überlebens-
große Stigmatisation des hl. Franzis-
kus von Stärk u. a. Noch steht im Eck
des linken Querschiffes ein weiteres, von
den ehemals bis vor kurzem ausgestellten
sechs Madonnenbildern, eine Pieta,
ein Werk des 18. Jahrhunderts, Christus
aus dem Schoß der Mutter, deren Brust
ein langes Schwert durchbohrt. Die
Statue war früher in St. Johann.

Die Glasgemälde im Chor und Qucr-
schifs sind nach Hofeles Notiz von Glas-
maler Hecht in Ravensburg, im ganzen

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acht, die übrigen hellen Fenster in Katbe-
dralglas, nur mit silbergelben Nenais-
sancebordüren eingefaßt, sind von Glas-
maler Gnant ausgeftihrt. Das Lang-
haus hat drei Doppelreihen von Fen-
stern links und rechts; dazu kommen am
Westgiebel, der portalgeschmückten Fas-
sade, zwei große, ebenfalls bogenförmig
ausgeschnittene Fenster zu beiden Seiten
des Eingangs, über dem Portal ein gleich
großes, mit zwei kleineren Seiten-
fenstern, also Licht lind Helligkeit dringt
von allen Seiten durch diese stimmungs-
vollen Räume.

Ebenso einheitlich lvie alle originalen
Ausstattungsstücke der Kirche sind endlich
die noch alle in ursprünglichem Stand er-
haltenen Kirchen st ii h l e des Schiffs.
Die Bänke haben alle klassizistische
Stuhlwangen: einfache Volute am Ober-
stiick, Rosette an der Mitte des Breit-
teils x).

Ueber den Ursprung der Stück-
arbeiten, vor allem der kolossalen
Altar- und Kanzelwerke, ließ sich in den
alten Akten nicht das geringste ausfindig
machen. Man möchte italienische Stukka-
teure vermuten, doch sind seit Mitte des
18. Jahrhunderts nicht wenige einhei-
mische Meister gelehrige Schüler dieser
welschen Kunst geworden; ein Joseph
Anton Feuchtmayer steht auf der Höhe
dieser Phantasiekunst. Aenßcrst karg
und seicht sind im Gegensatz zu solchem
Reichtum im Ununendorfer Schloß die
Stukkaturen an den Baugliedern ange-
bracht. Das Auge entdeckt solche nur
am Wappen Metternichs an: Chorbogen.
Daß die alte Kirche reich oder reicher
war an Stukkaturen, läßt schon die
handschriftliche Bemerkung der Anno-
tationes über schweizerisch-italienische
Muratores vermuten. Entsprechend dem
französischen Louis XVI.-Stil setzt der
oberschwäbische Klassizismus bald nach
1770 ein und bringt besonders in der
Stuckdekoration die „edle Simplizität",
aus die Schwelgerei folgt Ernüchterung;
das ansgelassene Rokoko löst karges An-
tikisieren ab: dürftige Gewinde, einfache
Behänge, Flechtbandmuster, steife Urnen
an Architektnrgliedern, Brüstungen,

0 Abbildung irr Inventar S. 230,
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