Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

Seite: 57
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Krieg und Kunst.

Aphoristische Gedanken
des interimistischen Redakteurs.

Der Krieg hat den eigentlichen Re-
dakteur des „Archivs" in seine Kreise ge-
zogen und hält ihn bislang darin fest.
Dadurch wurde ein anderer int stillen
Kreise ausgeschreckt nnd soll nun, freilich
viel verspätet, das „Archiv" durch' die
Schrecken des Krieges hindurchgeleiten.
Dabei kam ihnt der Gedanke, diesem
Jahrgang des „Archiv" doch gleichsam als
Signatur eine Erörterung mitgeben zu
sollen über die Wechselbeziehitngen von
Krieg und Kunst im allgemeinen, über
die Einwirkung des Krieges aus die
Kunst, speziell aus die deutsche und
christliche Kunst, und über die Folgen
und Folgerungen, die sich aus deiu Krieg
speziell auch sür unsere einheimische
Kunst ergeben, insbesondere sür kirch-
liche Kunst und Kunsthandwerk.

1. D e r K r i e g s e l b st a l s K u n st..

„Kunst im allgemeinen ist Können,
-aber ein zu großer Fertigkeit entwickel-
tes Können, welches sich nach bestimmten
Regeln in bedeutungsvollen Leistungen
äußert," definiert P. Kuhn. Darnach
ist der Krieg selber, näherhin das Krieg-
sühren eine Kunst, nnd man nennt diese
Kriegskunst Strategie. Die großen
Strategen aller Zeiten, des griechi-
schen und römischen Altertums, des
Mittelalters und der Neuzeit erstrahlen
als Sterne an diesem blutigroten Kunst-
himmel, und es diirste uns gar nicht ]
wundernehmen, wenn Exzellenz Hinden-!

I bürg und andere neben den Doktoraus-
zeichnungen von akademischer Seite, auch
noch den Ruhm ' des Kriegskünstlers
und Kriegskunstheroen von Kunstaka-
demien erhielten. Ein Alexander der
Große, ein Cäsar, ein Prinz Eugen, ein
Friedrich der Große, ein Napoleon, ein
Moltke sind weltgeschichtliche Heroen,
nicht bloß wegen des bedeutungsvollen
Eingreifens in die Geschichte, sondern
wegen ihrer Kriegskunst.

Allein diese Kriegskunst und der
Krieg als Kunst hat seine düsteren
Schatten. Es fällt uns das Wort des
hl. Cyprian ein: „Madet orbis mutuo
sanguine, et homicidium cum ad-
mittunt singuli, crimen est, v i r-
tus vocatur, cum publice geritur.“
Die bellica Virtus ist, eine glorreiche,
aber dennoch düstere Kunst und Fertigkeit,
denn sie riecht immer nach Blut, und da
weiterhin immer noch der Satz gilt:
„ecclesia non sitit sanguinem," so
.kämen wir 31t einer kräftigen Diskor-
danz zwischen Kriegskunst und christ-
licher, resp. kirchlicher Kunst. Es ist
aber nicht der Ort nrtb nicht die Zeit,
diesen Gedankengängen nachzugehen,
.aber gegenüber Nietzeschen Anwand-
lungen (die unsere Feinde uns zum
Vorwurf- machen), darf wohl auch aus
.-diese Seite der Kriegskunst hingewiesen
Inerden. Kriegführen, Städte und
-Länder erobern, Siege erringen, mag
eine Kunst sein, in jetziger Zeit vielleicht
.die . wichtigste und höchsteingeschätzte,
aber das Ideal ist sie nicht, weder des
-Christen noch des Menschen, höchstens
-des „Uebermenschen".
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