Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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Kreuzberg" pflegte der 1836 zit Wißgol-
dingen geborene, 1902 gestorbene Pfar-
rer von Ummendorf, Prälat 1>t. Engel-
bert Hofele, seine eigenste Schöpfung
und Gründung mit Vorliebe zu nennen.
Der „oberfchwäbische Monumentalkreuz-
berg", so lautet der Titel eines vom
Gründer selbst herausgegebenen Büch-
leins 1), sollte nach dem Wunsch des viel-
gereisten Weltpilgers ein Gegenstück zum
Gmünder Salvator werden, ein durch
Natur und Kunst ausgezeichneter Kal-
varienberg, Wallfahrtsort für das katho-
lische Oberschwaben. Daß das Ideal
hinter der Wirklichkeit zurückbleiben
mußte, daß als Vorbedingungen sür
Entstehen und Entwicklung solcher Wall-
fahrtsstätten „Natur und Kunst", selbst
wenn besserer Boden für ihr Werden lind
Wachsen Vorgelegen, noch nicht mächtig
genug sind, aus „wilder Wurzel" solche
Orte gn schaffen, zeigt Vernunft und Er-
fahrung. Was immer Gründungs-
geschichte und kleine Vergangenheit dieser
Hofeleschen Schöpfung sür ihre Existenz-
berechtigung zeugen mag, die Gegenwart
hat sie als existenzfähig erwiesen, und
wenn schützende, bessernde, erneuernde
und auch säubernde Hände, wie die am
großen Renovationswerk seines Nachfol-
gers, über dem Monumentalkreuzberg
walten, glaube ich zuversichtlich, wird die
Zukunft Hofele und seiner eigenwilligen
und eigenartigen Gründung Gerechtig-
keit widerfahren lassen. Während der
wuchernde Baumwuchs immer mehr die
von ihm geschaffenen Denkmäler ver-
deckt, wird gleich dem Goldkreuz aus dem
Tannendunkel Hofeles Name strahlen
und des Schöpfers Verdienst immer [
wohlwollendere Anerkennung finden.
Neben der im Wandel der Zeiten nach
Ausdruck und Formen wechselnden Fröm-
migkeit kommt sowohl der Kunst-
sinn der verschiedensten Bevölkerungs-
klassen und Bildungsgrade, wie die an
solchen heiligen Stätten der Volksandacht
meist damit gepaarte feinsinnige Natur-
freude zu ihrem Rechte. Der Natur-
freund wird die Stätte und ihre Um-
gebung als ein kleines Juwel im Rißtal

st Erschienen im Selbstverlag ohne Jahr
und Ort mit guten Abbildungen und quod-
libetanischer Beschreibung von llnrinendors
und Umgebung.

entzückend finden, und das Auge des
Kunstfreundes wird das Kleinod edelster
Renaissancearchitektur voll und ganz er-
freuen.

Unter den heutigen drei Kirchen
Ummendorfs weist das Kirchlein
auf dem Kreuzberg die älteste Stil-
gattung auf, seiner Entstehung nach
aber ist es das jüngste Heiligtum.
Im Jahre 1892 wurde die Kreuz-
bergkirche vollendet und eingeweiht,
nachdem im Lauf des vergangenen
Jahrzehnts der Kreuzweg, die Grotten
St. Johann, Bethlehem, Nazareth,
Lourdes, Christi Einzug errichtet wor-
den waren. Die berühmten heiligen
Stätten der Welt sollten aus dem Berg,
den einst eine Burg krönte (Burgstall,
Büschel genannt), in kleinen Nachbil-
dungen dem Auge und Herz des Wall-
fahrers vorgeführt werden. Bald nach
der Uebersiedelung nach Ummendorf von
Biberach, wo er als Präzeptor gewirkt
hatte, kaufte der Pfarrer den mit
genialem Blick auserwählten Waldhügel
um 2600 Mark an; er ist jetzt in das
Eigentum der Kirchenpflege Ummendorf
übergegangen. Schwäbische Künstler
und Kunsthandwerker zu dem Monu-
mentalwerk ausgewählt und aus dem
Dunkel gezogen zu haben, ist nicht das
geringste Verdienst Hofeles bei dieser
kühnen Tat. Unter den Grotten, die am
Abhang des Berges angelegt sind, ver-
dient Erwähnung St. Johannes in der
Tropfsteinhöhle. Die Statue des Täu-
fers aus Kehlheimer Marmor ist ein
Werk des Bildhauers L ä m m l e, ebenso
die holzgeschnitzten Figuren in der stim-
mungsvollen Oelberggrotte, deren Vor-
halle aus den Ziegelsteinen der alten
Römerstation erbaut ist. In dem Naza-
reth-Heiligtum sehen wir eine Nachbil-
dung von Loreto mit kleiner Kuppel;
die darin aufgestellten drei Gnadenbil-
der von Loreto, Einsiedeln, Altötting
und die Gruppe der hl. Familie im
Haus zu Nazareth stammen von Bild-
hauer D r e s s e l in München, gebürtig
von Ravensburg. Unter all den mehr
oder weniger beachtenswerten Schöp-
fungen der Gegenwartskunst ragt ein
einzig wertvolles Stück altdeutscher
Kunst hervor. Am Aufgang, zum Kreuz-
> weg ist eine Halle mit dem sogenannten
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