Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

Seite: 77
DOI Heft: 10.11588/diglit.16255.16
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16255.19
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16255.20
DOI Seite: 10.11588/diglit.16255#0080
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1915/0080
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
77

tinus, der festlich begangen werden soll.
Wir wünschen endlich, daß die genannte
Kapelle samt ihren Altären mit gebüh-
render Ehrerbietung besucht werde, und
daß die Christgläubigen umso lieber dort
zusammenkommen, je reichlicher sie
sich ebenda mit der Gabe himmlischer
Gnade ausgestattet sehen. Deshalb
gewähren wir allen und jeglichen Christ-
gläubigen, die nach wahrer Reue, Beicht
und Buße an den Festtagen der ob-,
genannten heiligen Patrone der Kapelle
und ihrer Altäre, sowie der Kirchweihe
der Frömmigkeit halber dort zusammen-
strömen und in frommer Weise für die
Kirchensabrik oder die Ausschmückung,
Erhaltung und Wiederherstellung der-
selben hilfreiche Hand reichen, im Ver-
trauen aus Gottes des Allmächtigen Er-
barmen und aus die Fürbitte der seligen
Apostel Petrus und Paulus, seiner Hei-
ligen, auch in eigener Gewalt unsers ge-
nannten Herrn (Bischofs) von Konstanz
40 Tage Ablaß von den ihnen auserleg-
ten Bußen gnädiglich im Herrn für gegen-
wärtige, ewige, künftige Zeiten gültig.
Zur Beurkundung und Bekräftigung
dieses alles und jeglichen Vorausgeschick-
ten haben wir gegenwärtigen Brief des-
halb aussertigen und durch Anhängung
unseres bischöflichen Siegels beglaubigen
lassen. Gegeben und geschehen im Jahr.
Tag und Ort, wie oben steht, in der drit-
ten Jndiktion.

i Lin altes Titelblatt.

Synagoge und Kirche.

Von Dekan Reiter.

Unter den deutschen Bibeln aus älterer
Zeih nimmt die sogenannte katholische
Mainzer Bibel eine hervorragende
Stelle ein. Eine solche Bibel wurde viele
Jahre hindurch in einer Familie der
Gemeinde Vollmaringen als teures Gut
ausbewahrt und ist nunmehr in meinen
Besitz übergegangen. Das Buch, in
Folioformat und überaus dickleibig,
stammt aus dem Jahr 1740, wo es aus
Anordnung des Kurfürsten Karl Philipp
nach dem im Jahre 1662 in Mainz auf-
gelegten Exemplar gedruckt wurde und in
Frankfurt im Verlag von Philipp Hein-
rich Hutter erschienen ist. Zweihundert-

undvierunddreißig — von einem „be-
rühmten Meister" verfertigte — Origi-
nalkupser zieren das Werk, „damit man
die historischen Geschichten des göttlichen
Wortes sich umso lebhafter vorstellen
kann". Viele von diesen 234 Stichen
sind wohlgelungen und dürften es
sicherlich verdienen, daß man sie einer
Besprechung unterziehen würde. Wir
wollen indessen einen derartigen Versuch
jetzt nicht machen, vielmehr nur das
Titelblatt der Bibel ins Auge fassen,
das in seinen Bildern eine köstliche Ver-
herrlichung des göttlichen Gesetzes dar-
stellt und ein Stück Theologie genannt
werden kann. Solange man aus dem
Standpunkt steht, daß die Ikonographie
überhaupt eine Berechtigung habe, wird
man auch eine solche Besprechung als be-
rechtigt anerkennen müssen.

Genanntes Titelblatt weist drei Teile
oder Felder auf: im unteren erblickt

man die Stadt Mainz mit Rhein und
etlichen Schisslein daraus, im mittleren
zwei männliche, und im oberen zwei
weibliche Figuren mit der Taube des
Heiligen Geistes. Besondere Beigaben
vervollständigen die Komposition. Die
Taube des Heiligen Geistes erscheint
oben in der Mitte; von ihr gehen Strah-
len aus, welche das ganze Bild belichten
sollen. In der Ecke rechts vom Heiligen
Geist die Mondsichel, links die Sonne
mit Menschenantlitz. Unter der Taube
zieht sich ein großes gewundenes Band
hin, aus welchem zu lesen: Das Buch

der Gebott Gottes und das Gesetz, das
ewiglich bleibt. Baruch, Kap. 4.

Die weibliche Figur, links vom Be-
schauer, sieht sich an fast wie eine Ger-
mania. Das Haupt ist gekrönt, aus dem
Antlitz leuchten Festigkeit und Fröhlich-
keit, aus der Brust schimmert ein Stern.
Mit der Rechten hält sie ein großes
Buch, in der Linken trägt sie eine bren-
nende Fackel. Anders die andere Frauen-
sigur. Zwar strahlt uns ans ihrer
Brust die Sonne mit menschlichem An-
gesicht entgegen, aber die ganze Haltung
verrät Einfachheit und Demut, das
! Haupt hat statt der Krone einen
Schleier, und in der rechten Hand ruht
j das Kreuz mit dem Bilde des Gekreuzig-
i ten. — Ohne weiteres ist zu erkennen, daß
loading ...