Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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es sich bei beiden Bildern um Allegorien
handle, und es legt sich der Gedanke
nahe, daß in ihnen personifiziert sein
könnten Gnade und Wahrheit, Lehre
und Wahrheit (ltnm und Thummim),
Wahrheit und Erwärmung (Psalm 84),
das Gesetz des Alten und Neuen Bundes
und ähnliches. Am meisten wird jedoch
die Erklärung für sich haben, welche in
unseren Bildern die Synagoge und die
Kirche dargestellt findet. Freilich mag
die Krone auf dem Haupt der! Syna-
goge etwas befremden. Wir kennen ihre
Darstellung an der Südseite des Straß-
burger Münsters, und wissen, daß man
die Synagoge oft ohne Krone oder mit
sinkender Krone abbildet; die Augen
deckt eine Binde, der Fahnenftab ist zer-
brochen, und aus den Gesichtszügen
spricht Wehmut unb Schmerz, Hals-
starrigkeit und Verzweiflung x). Allein
die Ikonographie bringt uns doch auch
von anderen Darstellungen der Syna-
goge Kunde und vergewissert uns, daß
dieselbe des öfteren auch als gekrönt er-
scheint, und diese Bekrönung auf unse-
rem Titelblatt dürfte umsomehr Berech-
tigung haben, als ja hier die Syna-
goge nicht in Gegensatz zur Kirche ge-
stellt wird, sondern vorbildlichen, propä-
deutischen Charakter haben soll, mithin
als Vorbild und Vorläuferin der Kirche
in Betracht kommt.

Die Figur der Kirche zeigt in Aus-
druck und Haltung eine gewisse Aehnlich-
keit mit der Muttergottes, und in Wirk-
lichkeit ist ja Maria bisweilen and) als
Typus der Kirche aufgefaßt und abgebil-
det. Der Hauptschmuck der Kirche ist die
Demut, und ihr Buch und ihr Gesetz ist
Christus der Gekreuzigte. Ist das Licht
der Synagoge mit dem Lichte eines
Sterns, dann ist das Licht der Kirche mit
dem der Sonne zu vergleichen. Immer-
hin hat das Licht des Heiligen Geistes,
der ewigen Weisheit, das Gesetz des
Alten Bundes durchleuchtet, und die
Synagoge ist darüber hocherfreut, auf
ihren Lippen scheinen die Worte zu
schweben: Selig sind lvir Israel, weil,
was Gott wohlgefällig ist, uns geoffen-
bart wurde (Baruch 4, 4).

si Zu vergleichen Synagoge und Kirche in
der Katharinenkirche zu Hall.

Wenn die Figur der Synagoge ihre
Fackel ganz nahe an das Spruchband
hinhält, so soll das wohl Hinweisen auf
die ebenfalls im Buche Baruch enthal-
tene Mahnung: Jakob richte deinen
Weg nach dem Glanze des Gesetzes
gegenüber feinem Lichte (Baruch 4, 2).

Weitere Momente, welche unsere Auf-
fassung rechtfertigen! Die Synagoge
hat neben sich den siebenarmigen Leuch-
ter, und die Kirche ein Bild, das auf die
sieben heiligen Sakramente hindeutet. An
einem Gestell erblickt man nämlich etu
Herz und Hände und Füße; aus ihren
Wundmalen quellen Bächlein und flie-
ßen in eine Schale, aus welcher sich in
sieben Röhren die Wasser der Gnade in
ein Sammelbecken ergießen.

Sonne und Mond, welche iiber der
Komposition schweben, erinnern an die
Kreuzigung Christi, wo man über dem
Querbalken öfters Sonne und Mond
angebracht findet. Dieselben haben dort
nicht bloß eine geschichtliche, sondern auch
eine sinnbildliche Bedeutung und wollen
i vielfach als Symbole der Synagoge und
der Kirche aufgefaßt werden. Aehnlich
dürfte es auch bei unserem Titelbilde
sein, was wir jedoch nicht weiter begriin-
den wollen.

Die Vermittlung der Offenbarnngs-
gnaden an die Gläubigen ist Aufgabe
des Priestertums, welches im Alten
Bunde in dein Hohenpriester, und im
Neuen Bunde in dem Papst gipfelt, und
so kommen in der Mainzer Bibel auch
noch der Hohepriester des Alten und der
Hohepriester des Neuen Bundes zur
Darstellung. Ersterer, unter der Syna-
goge stehend, trägt seinen amtlichen Or-
nat, auf dem Haupte die gehörnte
Mitra, gezeichnet mit dem Namen Je-
hova (nicht Heilig dem Herrn), in der
Linken den knospenden Stab Aarons
und in der Rechten ein Rauchfaß und
die beiden Gesetzestafeln, aus welchen
uns der zweite und dritte Vers aus dem
20. Kapitel des Buches Exodus _ in
hebräischer Sprache ohne Punktation
entgegentreten: Anoki Jehowa eloächa
ascher hozeticha meäräz mizraim
mibet abadim. Lo jihjäh lecha
! älohitn acherim al panai. Ich bin der
! Herr Dein Gott, der dich gefiihrt
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