Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

Seite: 83
DOI Heft: 10.11588/diglit.16255.16
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16255.22
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16255.23
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16255.24
DOI Seite: 10.11588/diglit.16255#0086
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1915/0086
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
In der Marienkirche zu Reutlingen
steht der Schmerzensmann zwischen zwei
Engeln, welche brennende Kerzen tragen.
Darf etwa hier, wie bei den Paxtafeln,
eine Beziehung aus die hl. Messe ver-
mutet werden?

Aus einem Gemälde mit der Darstel-
lung: Wilhelm von Reichenau, Bischos
von Eichstätt (f 1496), feiert die heilige
Messe — entdeckt man über einer Kon-
sole auch ein Erbärmdebild — ohne
weitere Beigaben.

Eine besondere Untersuchung wird
wohl die Frage erheischen, ob schon die
ganz alten Misericordienbilder die
Wundmale aufweisen, oder ob nur die
Leidenswerkzeuge bei dem Leidensmann
erscheinen.

Daß die geistlichen Schauspiele des
Mittelalters dazu geholfen haben, die
Misericordienbilder beliebt zu machen
und zu verbreiten, liegt nicht bloß im
Bereich der Möglichkeit, sondern auch der
Wahrscheinlichkeit.

In mehrfacher Hinsicht interessante
Erbärmdebilder sind zu finden in dem
Anzeiger des Germanischen National-
museums — Jahrg. 1910 und 1911.

In Munderkingen eine Kopie des
Klagenfurter Erbärmdebildes iiber dem
Taufstein.

Wettbewerb.

Der Wettbewerb, den die Deutsche Gesell-
schaft für christliche Kunst in München aus-
geschrieben 'hatte, um einen Monstranz-
Entwurf für die Kirche der Vereinigten
Hospitien in Trier zu erhalten, brachte ein
hochinteressantes Ergebnis.

Es sind 54 Entwürfe, meist in großen far-
bigen Blättern, eingelaufen, die ein sehr er-
erfeuliches Streben nach originellen und
eigenartigen Lösungen bekunden. Das Preis-
ausschreiben hatte eine bestimmte Stilrich-
tung nicht vorgeschrieben, sondern nur ver-
langt, daß die Monstranz zum Altäre passen
soll. Es war also unter dieser Voraussetzung
auch leine moderne Lösung zulässig. Bei *beu
eingelaufenen Entwürfen sind so ziemlich alle
Stilarten direkt vertreten oder in modernem
Sinne verarbeitet. Auch in der Anwendung
des Materials ist oftmals mit viel Geschick
eine seinabgestimmte Wirkung erzielt. Gold
und Silber, farbige Steine, Elfenbein, Per-
len und Email wechseln in bunter Folge ab
und stellen dem Goldschmied interessante
Aufgaben.

Jedenfalls hat das Preisausschreiben,
dessen bemerkenswertesten Entwürfe in der
allgemeinen Kunstzeitschrift „Die christliche

Kunst" veröffentlicht werden, für die ein-
schlägigen Kreise viel Aneiferung und An-
regung gebracht.

Das Preisgericht, dem die Herren Pro-
fessor Busch, Professor Fritz v. Miller, Pro-
fessor Fuchsenberger, Professor Schleibner,
Stadtbaurat Schilling von Trier, Bildhauer
C. L. Sand, Bildhauer Valentin Kraus,
Geistlicher Rat Staudhamer und Pfarrer
Bohner angehören, hat folgenden Spruch
gefällt:

Einen Preis von 300 ,3K. erhielt Bildhauer
Franz Hofer, München, einen Preis von je
100 M. esthielt Architekt M. Simon, Mün-
chen, und Bildhauer >W. S. Resch, München,
je einen Preis von 90 M. wurde den Arbei-
ten des Architekten Mich. Kurz, Augsburg
(Göggingen), des Architekten Ant. Bachmann,
München, des Bildhauers Franz Hofer,
München, und des Architekten Joh. Schmautz,
München, zuerkannt. Mit Anerkennungen
wurden ausgezeichnet: Goldschmied Konstan-
tin Schwarzmann, Trier, die Bildhauer
Hans Angermair, München, Franz Hofer,
München, W. S. Resch, München, sowie der
Kunstmaler Leonhard Thoma, München.

Literatur.

Die Kirche von I e g e n st o r f und
ihre Glasgemälde. Von Dr. Hans L e h-
m a n n. Mit 8 Abbildungen, 48 S. Bern,
Verlag von A. Franke, 1915.

Die Kirche des Ortes Jegenstorf im Kan-
ton Bern, Schweiz, konnte im nun äbgelau-
fenen Jahre das Jubiläum ihres 400jäh-
rigen Bestehens feiern. Sie ist anno 1515
auf dem Grunde eines viel älteren, aber
damals zu klein gewordenen Gotteshauses
errichtet werden, die Bauakten sind noch vor-
handen. Auch dies neuere einschiffige Kirch-
lein ist bescheiden in seinen Maßen (mit
Turm 40 Meter lang, das Schiff hat
22 Meter Länge und im Innern 11 Meter
Breite). Der Bau selbst ist fast ohne archi-
tektonischen Schmuck, das Innere ohne Ge-
mälde. Dagegen hat er einen Reichtum an
gemalten ältest Fenstern, der seinesgleichen
sucht. In jener Zeit nämlich stand in der
Schweiz die Sitte der Schenkung von ge-
malten Fenstern und Wappen in höchster
Blüte; in Bern lebte eine ganze Kolonie von
Glasmalern, welche dieser Sitte reichliche
und lohnende Beschäftigung verdankten und
welche auch auf der künstlerischen Höhe stan-
den, um die Anforderungen der anspruchs-
vollsten Besteller zu befriedigen. Das Jegen-
storfer Kirchlein erhielt eine außergewöhn-
liche Zahl solcher geschenkter Glasfenster, im
ganzen 42 Scheiben in 9 Feiistern. Dar-
unter waren nicht weniger als 6 eine Gabe
des Rates von Bern. Unter ihnen ist das
Hauptfenster mit der Darstellung der Patro-
nin der Kirche, Maria, Mater immaculata,
und zwei weiterer Heiligen. Neben den
verschiedenen prachtvollen Schilden der Stif-
ter finden sich Bilder des hl. Kaisers Hein-
loading ...