Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

Seite: 87
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wie solcher aus der neueren Zeit,
Die drei „großen christlichen Meister der
Gegenwart", Gebhardt, Uhde und Stein-
hausen, wozu noch Thoma kommt, glau-
ben wir gewiß auch hoch zu werten, aber
üe sind uns weder die einzigen bedeu-
tenden Vertreter der christlichen Kunst,
noch können wir in ihren Werken jene
Höhe und Größe dieser Kunst erreicht
sehen, wie sie unseren Glaubensanschau-
ungen und unserer Kunstaussassung von
der Aufgabe, Christus, den menschgewor-
denen Gottessohn ltnb den Weltheiland
im Bilde darzustellen, vollauf genügen
und entsprechen würde. Unseres Er-
achtens klingt und tönt in dem Buche
trotz alles ehrlichen Strebens nach
Objektivität immer noch recht deutlich
die Tendenz mit: die deutsche, und näher-
hin die deutsch-protestantische Auffassung
von Christus und dem Christusbilde ist
in letzter Linie maßgebend für die Be- !
urteilung der Christus-Darstellungen
aller Zeiten. Wenn der von! seinem!
Standpunkt überzeugte Verfasser sich!
hierzu bekennt, so wird ihm das gewiß !
niemand verübeln. Aber wir haben das
R'echt, denselben insoweit abzulehnen,
als in demselben das spezifisch Konfes-
sionelle und besonders der moderne Pro-
testantismus den Anspruch zu erheben
suchen, die eigentliche itrtb berufenste
Vertretung des Christentums und der
christlichen Religion zu sein.

Und nun zu Einzelbemerkungen. Wir
hätten neben oder auch an Stelle
einzelner Bilder andere gewählt,
verschiedene etwas anders aufgefaßt
und erklärt, weitere Meister reli-
giöser Kunst berücksichtigt und vielleicht
auch den einen oder andern, die in dein
Buch vertreten sind, abgelehnt. So hät-
ten wir z. B. lieber gesehen, lvenn an
Stelle der Wendmahldarstellung R i e°
m e n s ch n e i d e r s der Kopf des
Herrn allein, sei es aus diesem, sei es
aus einem andern Bilde des genannten
Meisters wiedergegeben worden wäre.
Zweifellos ist das in der Kirche zu Bie-
belried bei Würzburg eines der besten,
wenn nicht das beste desselben, ein Werk
von tiefstem Gehalte und ergreifender
Schönheit. Gerade dieses Bild hätte
unseren Künstlern und Kritikern zum *

Thema der Ausgleichung zwischen Schön-
heit und gehaltvoller Kraft sehr viel zu
sagen! Sodann vermögen wir — um
auch dies anzuführen — der scharfen Kri-
tik des Dreifaltigkeitsbildes von R i-
b e r a nicht zuzustimmen. In diesem
Christus ist ja gerade das erschütternd
gegeben, was der Verfasser an Renis
Christuskopf vermißt: der Gedanke der
Passion des menfchgewordenen Gottes-
sohnes für die Sünden der Mensch-
heit. Unseres Erachtens wird ein ob-
jektives Sichversenken in den geistigen
Gehalt dieses Meisterwerkes denn doch
andere und etlvas tiefere Empfindungen
Hervorrufen, als die „Vorstellung, es
zucke über den Leib des Herrn irgend
woher eine Autodafäflamme gitr grö-
ßeren Ehre Gottes" (S. 14)!! Auch
dem V e l a s q u e z b i l d e läßt sich nu-
schwer eine bessere Deutung und ein
Verständnis abgewinnen. Ueberhaupt
scheint Verfasser die spanische Frömmig-
keit nnr etlva in: Lichte eines Herrn Fied-
ler zu kennen, vergl. feine Bemerkung in
der Einleitung über den „restaurierten
Katholizismus, der seine Kräfte aus der
fanatischen spanischen Frömmigkeit zog
und mit ihrem Fanatismus und ihrer
erotischen Mystik, die oft ans Perverse
grenzt, die christliche Kunst vergiftete"
usw. Hier hat leider die protestantisch-
konfessionellen Vorurteile gegen Spa-
Wort behalten. Und wenn in unseren
Tagen ein deutsch-spanischer Verein ge-
gründet wurde zur Pflege eines guten
engeren Verhältnisses zwischen den beiden
Nationen, die gerade in der gegenwärti-
gen schweren Zeit in der Hauptfrage einig
gehen, so ist nur zu wünschen und zu
hoffen, daß ans dieser Pflege heraus vor
allem die richtige volle Erkenntnis
auch der Religiosität Spaniens in deut-
schen Kreisen einkehre, sich Bahn breche
durch die schauerlichen Nebel der dicksten
konfessionellen Vorurteile gegen Spa-
niens Volk und seinen Glauben. •—
Unter den 113 in dem Buch aufgeführten
Bildern der zirka 66 Meister vermissen
wir vor allem den ist amen O v e r b e ck.
Ein Mann, der sein ganzes Leben der
religiösen Kunst im strengsten Sinne
gewidmet hat und dem z. B. sogar der
gewiß nicht „befangene" Gurlitt in sei-
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