Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

Seite: 88
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Her Geschichte der Kunst des 19. Jahr-
hunderts einen eigenen Abschnitt wid-
met, durfte nicht einfach übergangen
werden. Auch ein K. Müller, der
Hauptvertreter der Düsseldorfer Schule,
dessen ganzes künstlerisches Leben der-
religiösen Bildmalerei gehörte, hätte
Wohl einen Platz verdient (z. B. sein
Christus und die Jünger in Emaus),
jedenfalls weit mehr als die Christus-
bilder z. B. voir Fritzsch, Carriera, Schä-
fer u. a., und schließlich auch noch vor
einem Dorch Und daß die B euro ner
S ch u I e in einem Werke, welches „Das
Bild Christi im Wandel der Zeiten'' be-
handelt, ebenfalls a u s g e s ch l o s-
s e n w u r d e, das muß ganz entschie-
den als ein weiterer erheblicher Mangel
bezeichnet werden, als eine Unterlassung,
welche unter keinen Umständen hätte
Vorkommen sollen, für welche es keinen
haltbaren Grund und keine Rechtferti-
gung gibt. Auch von den jüngeren
Meistern religiöser Kunst, welche dem
katholischen Bekenntnis zugehören, Fu-
g e l, Nüttgens, Schleiden, Fe u-
e r st e i n, Kunz, Exter, Egger-
Lienz, Seitz, Schießtl usw. ist kein
einziger aufgeführt; der Verfasser geht
überhaupt, wie er selbst sagt, ziemlich
kurz „über den neueren Christustypus
der römischen Kirche" weg. Im 19.
Jahrhundert, sagt er, hat eine scharfe
Scheidung zwischen protestantischer und
katholischer Kunst hierin stattgefunden.
„Und zwar hat sich der katholische Ty-
pus vielfach ins Weibliche verirrt
rühmliche A u s n a h m e n abgerechnet"
(hier wird aber nur die Gcödener
Schnitzschule erwähnt)!! Dann heißt
es weiter: „was aber noch viel beklagens-
werter ist: der H e r z - I e s u - K u l t
hat wahre Kunstentwicklung weithin
ganz u n m ö g l i ch gemach t"; es
folgt noch eine weitere Ausführung die-
ses Satzes, und damit ist die katholische
Christusbildkunst der neuen Zeit ab-
getan. Was der H e r z - I e s it » K u I t
mit der Frage der künstlerischen Dar-
stellung Christi und speziell des Ange-
sichts des Herrn zu tun hat, das richtig
zu beurteilen können wir dem Verfasser
nicht zugestehen, da er der Sache zu
ferne steht, lind dann kennt die katho-

lische Kunst denn doch noch hundertfach
andere Christusdarstellungen, als bloß
die eines Herz-Jesu-Bildes. Daß und
wie man in katholischen Künstlerkreisen
seit Jahren bemüht ist, wie in der reli-
giösen Kunst überhaupt, so besonders in
den Christusbildern alles Unwahre,
Süßliche, Affektierte, Geleckte zu ver-
meiden, und wie man ehrlich, wenn auch
mit wechselndem, manchmal zu subjek-
tiv schwankendem Erfolge daran arbei-
tet, Wert- und Jnhaltvolles im Sinne
der wahren religiösen Kunst zu schaffen,
wie zu diesem Zrele Vereinigungen und
Zeitschriften nsw. zufammenwirken und
was bis jetzt hierin geleistet worden ist,
davon ist in dem Werke nichts gesagt,
vielleicht einfach deshalb, weil dem Ver-
fasser dieses Gebiet überhaupt nicht
näher bekannt ist.

Dem Verfasser (welcher den großen
dl e m brandt — was wir eigentlich
sonst noch kaum je gelesen haben — als
„reformierten Protestanten" speziell für
seine Konfession in Anspruch nimmt)
sind Gebhardt, U h de, Stein-
ha u s e n und T h o m a die „großen
christlichen Meister der Gegenwart", in
deren Kunst sozusagen das Problem der
Christusdarstellung gelöst oder doch der
Lösung nächstgebracht ist. Dieselben sind
Meister „von bewußt evangelischem
Empfinden"; er gibt ihnen sogar den
Ehrentitel der „vier Evangelisten" als
Maler! Sie sind ihm die ausgesproche-
nen Vertreter der „germanisch-deutschen
Kunst des Christusbildes". Ihnen ge-
sellt er als fünften noch bei R. Schä-
fer (Bild 111) mit einem Holzschnitt-
Manier-Bild, eine ausgesprochene pro-
testantische Travestie des Holbeinschen
Madonnabildes, das in dem —■ neuen
Sächsischen Landesgesangbuch sich findet.

Als Vertreter des „freien subjektiven
Künstlertums" der Gegenwart werden
zum Abschluß des Ganzen auch noch
einige Namen mit Abbildungen von
Werken angeführt, so H. Lang und
Wandschneider (ersterer mit dem
Steinkruzifixus in der Markuskirche zu
Stuttgart, letzterer mit einer Christus-
büste, die uns aber eher wie die eines
Lohengrin anmutet, wenn wir uns die
Dornenkrone hinwegdenken).
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