Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

Seite: 92
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Sage, sich vier weitere Lagen von Plätt-
chen in der Mauer befanden, bis auf eine
Tiefe von 65—60 Zentimeter in die
Mauer hineingebettet. So ergab sich
gleich in den ersten Tagbn der Unter-
suchung eine reiche Beute von Tonfliesen
in etwa fünf verschiedenen Mustern.
Auch andere Teile der Mauer wurden
fetzt durchforscht, und auch sie lieferten
reiche Ausbeute.

Ein glückliches Zusammentreffen mit
diesem Fundje war es, daß im gleichen
Sommer 1914 auch das Stadtpfarrhaus
—> die frühere Wohnung der Fürstäbtis-
sin —- einer gründlichen Reparatur un-
terzogen wurde. Veinr Abspitzen des
Verputzes der Außenwände des Hauses
zeigte es sich, daß auch in die Wände die-
ses Hauses solche Ziegelstücke vermauert
worden waren, und es ergab gerade das
Pfarrhaus eine Reihe von sehr schönen
und seltenen wertvollen Mustern. Das
Weißputzergerüst am Hause diente nun
zugleich unserer Entdecker—arbeit. Wäre
das Haus ein Jahr früher neu verputzt
worden, so hätte kein Mensch die Plätt-
chen gesehen, und sie hätten wieder eine
Reihe von Jahrzehnten ihren Dornrös-
chenschlaf weiter geschlafen.

Bis zum einstweiligen Abschluß dieser
Arbeiten beim Beginn der Mobilma-
chung für den großen Krieg im August
1914 waren etwa 150 Plättchen gefunden
worden, die sich auf 22 verschiedene Mu-
ster verteilen. 20 Muster waren voll-
ständig erhalten, von zweien nur kleine
Bruchstücke, von denen eines auf einen
Adler zu deuten war. Von allen 22 Mu-
stern ist bei Häßler im oben angezogenen
Werke nur ein einziges veröffentlicht,
lieber diesen bisherigen Fund habe ich
im Altertumsverein Ulm im November
1914 Bericht erstattet und dann die ge-
fundenen 150 Tonfliesen dem Städti-
schen Museum in Ulm iiberwiesen.

Im April 1916 führte ein Spatenstich
ins Erdreich an der besprochenen Mauer
wiederum zur Auffindung einer oder
mehrerer Lagen von Plättchen. Eine
noch genauere Untersuchung der Mauer
hatte den Erfolg, daß wiederum eine
große Anzahl von Fliesen zutage geför-
dert wurde. Dieser neuerdings ge-
machte Fund umfaßt weitere 110 Plätt-

chen. Die Muster waren dieselben wie
im Vorjahr. Das Adlermuster, das bis-
her nur als Bruchstück vorhanden war,
wurde in zwei schönen Exemplaren ganz
gefunden. Dazu kam noch ein ganz
neues Muster (Diagonalenkreuz mit sti-
lisiertem Blatt), das aber eine größere
Form als die bisherigen Muster dar-
bietet.

So bpläuft sich der ganze bisherige
Fund aus den Jahren 1914—15 auf
260 Stück mit 23 verschiedenen
M u st e r n, vielleicht der b e d e n-
t e n d st e T o n f I i e s e n f u n d in
W ii r t t e m b e r g.

II. Beschreibung der einzel -
n cn Fund st ü ck e.

Die 23 Zeichnungen weisen teils geo-
metrische, teils pflanzliche, teils anima-,
tische Motive auf. Nr. 1 ist ein Kreis-
motiv mit gekerbten Diagonalen, Nr. 2
ein reicheres Kreismotiv mit etwas brei-
ter ausgekerbten Diagonalen. Die bei-
den Nummern gehören ihrer Zeichnung
nach eng zusammen, die erstere Art ist
die bei weitem häufigste, so daß anzu-
nehmen ist, daß dieselbe als gewöhnlicher
Bodenbelag verwendet wurde. Es sind
die einfachsten und wohl auch frühesten
Formen, die wir kennen. Nr. 3 ist eine
Art Eckstück, dessen Gebrauch, so wie es
vorliegt, nicht angegeben werden kann.
Vielleicht wird die Zeichnung sonst vier-
mal genommen zur Ausfüllung eines
ganzen Plättchens verwendet. Nur zwei
Exemplare haben sich hievon gefunden.
Ebenso ist das Kreismotiv Nr. 4, das in
der Zusammensetzung jedenfalls gut
wirkte, nur zweimal gefund'Äa worden.
Nr. 5, Diagonalen mit großem Qua-
drat, ist ein einfaches und doch reizvol-
les Muster, während Nr. 6, Diagonalen
mit kleinerem Quadrat, reicher und ma-
lerischer wirken mag. In Nr. 7, Dia-
gonalen mit Kreis, tritt schon ein pflanz-
liches Motiv, das Efenblatt, auf. Nr. 8
und 9 sind Kreis- und Sternmuster, die
sich nur dadurch unterscheiden, daß der
dem mittleren Kreis einbeschriebene
Stern von verschiedener Größe ist und
daß die Linien der Viertelkreise bei Nr. 8
nicht an den Rand der Platte laufen,
während bei Nr. 9 diese Linien auf den
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