Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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Formen geben, um den verschiedenen:
Geschmacksrichtungen der Besteller ent- !
sprechen und genügen zu können.

Die Zeichnungen der vorliegenden
Stricke verraten aber manchmal große
llngenauigkeiten. Daher ist anznneh-
men, daß vielfach mit dem Messer oder
mit dem Modellierholz die Zeichnungen
ans freier Hand auf der Weichen Ton-
masse vor dem Brand angebracht wor-
den sind. Es gehört übrigens auch dazu
schon eine bedeutende Gewandtheit, wenn
ein erträgliches Muster zum Vorschein
kommen soll.

III. Das Alter der Boden-
fliese n.

Die wichtigste und interessanteste
Frage, die unsere Fundgegenstände von

selbst rufen, ist natiirlich die: ans wel-
cher Zeit stammen diese Plättchen und
wo wurden sie verwendet?

Es diirfte sich empfehlen, zur Beant-
wortung dieser Frage einen kurzen Blick
auf die Geschichte des kiinstlerischen Bo-
denbelags überhaupt zu werfen. Die
bedeutendsten Werke, die uns darüber
Aufschluß geben, sind: Arne E., les
carrelages emailles du moyen-äge et
de la renaissance, precedes de l’hi-
stoire des anciens pavages. 90 kol.
Tafeln, mit Text, Paris 1869 — und
Forrer, R., Geschichte der europäischen
Fliesenkeramik vom Mittelalter bis 1900,
80 Seiten, 107 Tafeln, Straßburg 1901,

! welch letzteres Werk auch die reiche Ein-
zelliteratnr aufführt.

a) Geschichte d e s k ü n st l e r i -
scheu Bodenbelags im a l l g e -
m eine n.

Die Fliesendekoration ist orientali-
schen Ursprungs. Bei uns gab es eben
Holzböden, Holzvertäferung, Teppicky
belag, Verkleidung von Wand und Bo-
den mit Steinplatten, bei luxuriöser
Einrichtung mit Mosaikeinlagen.

Jrn Orient sind Wandverkleidun-
gen mit vielfarbig emaillierten Ziegeln
und Fliesen schon bei den Aegyptern
viel verwendet. Auch Assyrien, Babylo-
nien und Persien kennen die emaillier-
i ten Ziegelvierkleidungen. Schon Hero-
dot bewunderte die siebenfarbigen
Mauern von Ekbatana. Die hier ge-
brauchten Ziegel waren glasiert.

In Euro p a haben die Glasuren zu-
nächst wenig Anklang gefunden. In
alerandrinischer Zeit wurde der Ton-
fliesenbelag verdrängt durch die M o -
s a i k, d. i. Zusammensetzung verschie-
denfarbiger Steine zu einer gemuster-
ten Fläche. Ein solcher Belag war im
Zenstempel zu Olympia (6. Jahrhun-
dert vor Christus) aus verschiedenfar-
bigen Geröllsteinen hergestellt. Dann
nahm man Würfel ans schwarzem ltnb
weißem Marmor, ausgebranntem Ton
und endlich aus verschieden gefärbtem
Glase, das opus musivum, das schon
Plinins beschreibt. Pompeji, die Kirchen
zu Rom, Ravenna, Venedig ltub Nea-
pel bieten prächtige Beispiele dieser
Glasmosaik.

Ein Ersatz dafür an Orten, wo diese
Industrie nicht blühte, waren die
Steinplatten, wobei man Helle
und dunkle Platten schachbrettartig an-
ordnete,, oder weiße und schwarze Mar-
morplättchen zu geometrischen Figuren
oder Labyrinthen zusammenstellte.

Erst im 12. und 13. Jahrhundert wur-
den die Steinplatten von den Ton-
fliesen verdrängt. In den einzelnen
Ländern des Westens hat diese Entwick-
lung sich in verschiedener Art vollzogen.

In Spanien und Port u g a l
war die Fliesendekoration weit verbrei-
tet. Großen Reichtum in den Formen
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