Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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zeigt die Alhambra. Die Fliesen wer-
den von den Spaniern azulejos ge-
nannt. Bezeichnend für die Verbreitung
der Fliesen und für die Anschauungen
der Spanier ist das Wort: non ava
easa con azulejos, womit man in Ka-
stilien feinen Nachbar als armen Teu-
fel kennzeichnen will: „er hat in feinem
Haufe keine Fliespn". In Spanien
hatte man sogar Plafondfliefen, die von
den Rahmen der Holzdecke gehalten
wurden.

In F r a n k r e i ch inkrustierte man
farbige Tonmaffe in Stein und wandte ^
bis ins 15. Jahrhundert Steinplatten
an mit eingravierten und mit farbigen!
Steinen und mit Ornamenten, die mit
Kittmasfe ausgefüllt waren. Jin 13.
Jahrhundert begannen die Zisterzienser
mit Verwendung von Tonfliesen; zuerst
geschah das im Norden Frankreichs, wo
das Steinmaterial weniger günstig, die
Tonlager aber reichhaltig waren.

In Belgien und Holland bil-
den die Städte Tournai (durch die weiße
Tonerde bekannt), Antwerpen, Rotier- !
dam, Amsterdam, Utrecht und Delft
Mittelpunkte der keramischen Industrie.
Besonders berühmt find im 18. Jahr-
hundert die Delfter Fliesen für Wand-
dekoration. In der Technik schließen
sich die Belgier und Holländer an die
Franzosen an, bon welchen auch dije
Engländer abhängig sind. Prächtige
Beispiele hiesiir sind die Abbildungen
in dem schon genannten Werke von Am6
aus Kirchen und Schlössern Frankreichs
unb Englands.

In Italien hat die Steinmosaik
lange Zeit das Feld siegreich und kunst-
reich behauptet. Für die Anwendung
der Fliesendekoration war ausschlagge-
bend die Tätigkeit des Luca della Rob-
bia, der sich 1440 auf die Keramik warf.
Bei dieser Industrie wandten die Ita-
liener besonders reiche Farbenglasurjen
an.

In Deutschland hat die Fliesen-
kunst erst im 12. Jahrhundert Fuß ge-
faßt mit dem Aufkommen der Backstein-
bauten und der Verwendung des Back-
steins bei kirchlichen und profanen Bau-
ten. Wie es scheint, machte das Elsaß
den Anfang. Im Hortus deliciarumi

der Herrad von Landsberg sieht man
das Bild des Königs Salomon auf dem
Thron. Die Rückwand des Thrones ist
mit Fliesen belegt, deren Zeichnungen
romanischen Charakter haben. Der Ko-
dex ist bekanntlich 1175—1180 auf dem
Odilienberge entstanden, 1870 bei der
Belagerung Straßburgs vernichtet wor-
den, aber durch vorher gemachte Kopien
inhaltlich erhalten geblieben. Damit ist
das Vorkommen von Fliesen im 12.
Jahrhundert bewiesen und bezeugt. Auch
die St. Fides-Kirche in Schlettstadt bie-
tet Beweise hiefür. Am allermeisten in
diesen Kunftformen tätig war die
Schweiz, auf welche die St. Urban-
Backsteine zurückzuführen sind. Diesel-
ben haben ihren Namen von dem Klo-
ster St. Urban bei Zofingen, ivo im 13.
und 14. Jahrhundert große Mengen sol-
cher Zierbacksteine hergestellt wurden.

An diese Schweizer Fliesen schließen
sich die „rheinischen Fliese n".
Das Wort „rheinisch" bezeichnet aber
hier nicht etwa bloß die „Rheinlande"
im engMen Sinn, sondern die Länder
fast des ganzen Stromgebietes des
i Rheins, näherhin die Städte vom Bo-
i denfee den Rhein entlang abwärts bis
zum Niederrhein. Irl all diesen Lan-
den und Städten rauchten im 13. Jahr-
hundert viele Ziegelöfeu, und in den
Ziegelstadeln der Städte waren große
Mengen von Backsteinen aufgestapelt.
Daneben aber war ein stilles Kunst-
Handwerk in eifriger Tätigkeit, das be-
strebt war, die Wände und Böden der
Kirchen nnb Patrizierhäuser mit seinen
Erzeugnissen 31t schmücken. Eine schier
unerschöpfliche Phantasie zeichnete nnb
modelte auf Tonplatten und Tonplätt-
chen die schönsten geometrischen Linien
in allen möglichen Verschlingungen. Sie
lauschte der Pflanzenwelt ihre charakte-
ristischen Formen ab und arbeitete mit
der Natur um die Wette mit „Versteine-
rungen". Sie zauberte den springenden
Hirsch, den gekrönten Löwen, den Weid-
mann mit der Meute, den turnirrenden
Ritter in den weichen Ton und hielt ihre
Bewegungen in der gehärteten Fliese
fest; ja sie fabulierte von den Lindwür-
mern und Schlangen und Basilisken in
wunderlichen Bildern und dachtie viel-
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