Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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leicht des Psalmwortes: super aspidem
et basiliscum ambulabis et eoncul
cabis bonem et draconem (Psalm 90,
13). Eine überreiche Fülle dieser gestal-
tenden Arbeit der Phantasie und der
Phantastik ist dargeboten in dem schon
genannten Werke N. Forrers, der selbst
eine großartige Sammlung von Boden-
fliesen besitzt oder besaß.

Diese rheinischen Fliesen sind nieist
nicht glasiert, aus gutem, geschlemmtem
Ton geformt und vorzüglich gebrannt.
Manche sind von gelblicher Wasserfarbe,
andere sind rot gebrannt, andere durch
beim Brand absichtlich hervorgerufenen
Nauchzutritt schwarzgrau oder schwarz
gefärbt. Durch das Aneinanderreihen
verschieden gefärbter Fliesen konnte man
die Bodenfläche beliebig mustern, oder
sie in Helle und dunkle Streifen zerglie-
dern, oder sonstige mannigfache Zeichen
wie Kreuze, aufs Eck gestellte Quadrate
nsw. sich vom Boden abheben lassen.

Bis ins 16. Jahrhundert hinein mag
diese Industrie geblüht haben, bis von
da an eine nüchternere Richtung einem
anderen Bodenbelag den Vorzug gab.
Es mögen praktische Erwägungen diese
Richtung gerufen und beeinfblßt haben,
als man die einfachen Sandstein- oder
Schieferplatten zum Bodenbelag anwen-
dete. Denn die reliefierten Fliesen oder
die vertieften Zeichnungen werden die
Reinigung Wohl immer etwas erschwert
haben. Erst in neuerer Zeit hat man
wieder angefangen, verzierte Bodenflie-
sen zu fabrizieren und auf den Estrichen j
und Gängen einzulegen.

Aus der bisherigen geschichtlichen j
Darstellung, die nicht weiter ausgespon- j
nen werden soll, gebt hervor, daß für die j
Bodenfliefenindnstrie als älteste Zeit für !
Deutschland das Ende des 12. und der
Anfang des 13. Jahrhunderts in Betracht
kommt.

Damit ergibt sich ohne weiteres für
die Söflinger Bodenfliefen als äußerster
torminiis a quo ebenfalls das Ende des
12. oder der Anfang des 13. Jahrhun-
derts.

b) Geschichte und Geschicke der
Söflinger Fliesen.

Betrachtet nian zunächst die Zeich-
nungen der aufgefundenen Stücke, so

weisen manche davon stilistisch in sehr
frühe, noch romanische Zeit hinauf. Die
einfachen, in geometrischen Linien hin-
geworfenen Muster Nr. 1, 2, 4, 5, 6 mö-
gen noch bis ins Ende des 12. Jahrhun-
derts verlegt werden können; die an-
deren dürften alle dein 13. Jahrhundert
angehören nnb in den Bereich der Früh-
gotik fallen. Jedenfalls wird keines der
Plättchen unter die Zeit von 1320—1350
herabgesetzt werden können. Beispiels-
weise schreibt Forrer die Nummern 18
(Basilisk) lind 20 (Ritter zu Pferd) der
Zeit von zirka 1300 zu.

Keineswegs ist jedoch damit behaup-
tet, daß alle vorliegenden Plättchen der
romanischen oster frühesten gotischen Zeit
angehören und in diesen Zeiten fabri-
ziert worden sind. Man hat zweifellos
die alten Stempel oder Model noch
lange Zeit nach ihrem Entstehen für die
Ware benützt. Man mußte schon ans
praktischen Griinden die Stempel aufbe-
wahren, um schadhaft gewordene Stücke
wieder leicht ersetzen zu können. Auch
ist das Handwerk und Kunsthandwerk
der fortschreitenden Stilentwicklung nie
so rasch gefolgt, sondern hat sich immer
noch länger in dem betretenen Geleise
fortbewegt.

Mit der soeben ausgesprochenen Da-
tierung dürfte sich nun auch die Betrach-
tung der Geschichte des Fund-
orts einverstanden erklären.

Die Platten wurden gefunden in einem
ehemaligen Klostergebäude, das jetzt
Stadtpfarrhans ist, und in einem Stück
der alten Mauer des früheren Kloster-
giebäudes südlich der Klosterkirche und
in dem aufgefüllten Erdreich des heuti-
gen Pfarrgartens. Die Platten wurden
verwendet zum Vau der ehemaligen
Aebtissinwohnung und zum Bau oes
Klostergebändes, und zwar wurden sie
an Stelle der größeren gewöhnlichen
Ziegel hie und da der Mauerung einge-
fügt. Die gewöhnlichen Ziegel, die da-
zu verwendet wurden, sind von unglei-
cher Länge und Dicke. So folgte von
selbst die Notwendigkeit, zum Ausgleich
dünnere und kleinere Stücke zu verwer-
ten. So sind denn auch zur Mauerung
nicht bloß ganze Plättchen, sondern auch
Halbstücke und kleinere Bruchstücke be-
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