Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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in Hochhausen am Neckar bestattete
Jungfrau nnd Königstochter St. illot-
bnrgis handelt es sich, noch um die tiro-
lisch-bayerische hl. Magd Notburga, son-
dern nm eine sonderbare Volksheilige,
deren Grab zu Bühl im Klettgau sich
findet und deren Knltzentrnm ebendort
anzntreffen ist. Alls Mangel einer al-
ten Vita müssen wir mit späten, da lind
dort zerstreuten legendenhaften und
phantastischen Erzählungen vorlieb neh-
men, um ihr Leben und deren liäheren
Umstände kennen zll lernen. Nach dieser
späten Tradition soll Notburga als
schottische Königstochter 796 geboren
worden sein. Die Eltern vermählten sie
liTtt dem Herzog Alboin. Nachdem ihr
der Gatte erschlagen worden war, floh
sie nach England; von da über Ostende,
Aachen und Mainz dem Oberrhein ent-
lang nach Säckingen und Bühl. An letz-
terem, zwischen Waldshnt und Schaff-
hansen int Klettgau gelegenen Ort ließ
sie iich nach der Legende nieder, und dort
soll sie am 24. Juni 820 zugleich
nenn Kinder geboren haben, von
denen acht am Lieben blieben, eines
aber starb. Eiiles dieser sagenhaf-
ten Kinder wird in Jestetteu (eben-
falls im Klettgau) als heilige Hirta
oder Dirta verehrt (6. Februar)r)
Weiter weiß die Legende zu erzählen,
daß Notburga zn Bühl eine wunderbare
Quelle erweckt und eine Fremdenher-
berge, Schule und Kapelle erbauen ließ.
Sie seht ihren Tod auf den 26. Januar
810 fest2). Als Kern der Ueberliefernng
dürfte sich herausschälen lassen, daß Not-
burga zu den zahlreichen christlichen
Sendboten gehört, die im frühen Mittel-
alter aus dem Jnselreich auf das Fest-
land gekommen sind.

Ter Kult der Volksheiligen umfaßt
einen um ihre Grabstätte in Bühl gezo-
genen engen Kreis st. Nach der genann-

0 Neutlingers Kollektanecn in Nr lle6crliiian
Stadtbibl. Freib. Diöz.-Arch. XXII (1802),
S. 325.

st Die LegendObci E. A. Stückelberg, Sankt
Notburga Vidua, in Schweizerischem Archiv sin
Volkskunde. XII (1908), S. 192. St. schöpft
aus einer Niederschrift der Legende aus dem
Jahre 1850 im Pfarrarchiv in Buhl und ans
den Acta SS. IX. (1643), Januar 26.

st a. a. O.

ten Legende soll Notburga in Bühl eine
Kapelle gestiftet haben, die 832 vom Bi-
schof von Konstanz geweiht und zu ihrer
Grabstätte geworden sein soll. Als im
Jahre 1656 die von den Schweden ge-
schändete Pfarrkirche von Bühl rekonzi-
liiert wurde, befand sich darin auf der
Epistelseite ein Altar der hl. Notburga.
Bei einer neuen Weihe im Jahre 1710
nach erfolgtem Neubau ist neben Maria
als Hauptpatronin die hl. Notburga
als sekundäre Patronin genannt; ein
dritter Altar wird in llouorem sano
tae Notbnrgae et saaicti Benedicti
geweiht. Auf dem Altarbild wird sie
Patrona Klettgoviate »genannt. Seit
Jahrhunderten wallfahrtete man ans
der Umgegend zu ihrer Grabstätte 4).
Auch der Abt von Rheinau kam anläß-
lich größerer Wallfahrten zu dem Grabe
der Heiligen. Im 18. Jahrhundert war
die Verehrung dpr hl. Notburga außer-
ordentlich beliebt. Nach Stückelberg st
wallfahrteten Zahnleidende zum Heilig-
tum Notburgas. Der schweizerische Ko-
mödiendichter Hans v. Rüte weiß schon
im Anfang des 16. Jahrhunderts zu er-
zählen, daß Frauen vor ihrer Nieder-
kunft zu St. Notburga ihre Zuflucht ge-
nommen haben st. Das Grab der Hei-
ligen wurde in der ersten Hälfte des 19.
Jahrhunderts gesucht. Bei Nachgra-
bungen vor ihrem Altar, wo sie nach der
Ueberliefernng beigesetzt fein soll, fand
man einige Gebeine, aber keine Zeug-
nisse, daß sie der Heiligen angehören.

Außer an ihrer Grabstätte wurde die
Heilige verehrt im benachbarten (badi-
schen) Jestetten, wo auch eine Kultstätte
der Tochter Notburgas, der sagenhaften
hl. Hixta, bestand. Die Kapelle, in der
letztere begraben war und verehrt
wurde, besteht nicht mehr, Wohl aber
fand sich in der Gemeinde ein Notbnrga-
bild. Weitere Orte, wo der Heiligen Ver-
ehrung zuteil wurde, sind Wettingen
(Kanton Aargau) mit einer Reliquie der
Heiligen im Jakobsaltar (1517), Stal-
den im Kanton Zug (1601) und Men-
zingen im gleichen Kanton (1689), wo

st Acta 88.(1643). 2. Jan.-Bd. S. 750 f.

st u. a. D. S. 194.

st Haus von Nute, Faßnacbtsspiel. Basel
1532. In Aleinannia III (1875), S. 54.
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