Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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gen n. D. erworben hatte12). Die Skulp-
tur hat keine Bemalung und Farbspuren
mehr, ist vielmehr durch Regen und das
Wetter sehr ausgewaschen. Es kann der
Schluß daraus Mögen werden, daß sie
an einem, dem Wetter ausgesetzten Platz
an einein Wohnhaus oder in einem
Bildstock stand. Ihr ursprünglicher Platz
dürfte aber in einer Kirche oder Kapelle
gewesen sein, wo sie auf einem Altar
oder in einer Wandnische stand. Dip
Lokalisierung der Skulptur in die Ehin-
ger Gegend beweist, daß die Notburga-
verehrung weit über den Klettgau hin-
ausgedrungen ist. Da der Klettgau eben-
so wie Ehingen der alten Diözese Kon-
stanz angehörsten, freilich an den ent-
gegengesetzten Polen, hat die Verehrung
der merkwürdigen Heiligen weitere
Kreise gezogen, als bis jetzt bekannt
war. In Ehingen ist heute von einem
Kult der hl. Witwe Notburga nichts
mehr bekannt. Mit der barocken Skulp-
tur von Bühl und dem barocken Oelbild
von Jestetten zusammen bildet das Ehin-
ger Bild eine Gruppe, die wohl auf ein
ursprünglich vorhandenes Urbild in der
Grabkirche der Heiligen in Bühl zurück-
geht, das nicht mehr erhalten ist. Die
Ulmer Skulptur steht zeitlich und inhalt-
lich dem Typus am nächsten — es zeigt
die Heilige einfach als Mutter von neun
Kindern •—, während die Bilder des 18.
Jahrhunderts in der Hauptsache die Ur-
form festhalten, die Mutter zur Fürstin
weiterbilden und wie in Jestetten das
neunte Kind als lebend darstellen. Die
Verbreitung des Bildmotivs geschah
zweifelsohne durch Wallfahrer, die kleine
Nachbildungen nach dem Urbild in Ton
oder Wachs nach Hause brachten, wie es
heute noch bei Wallfahrten geschieht.
Diese kleinen primitiven Nachbildungen
mögen einem Bildhauer als Motiv für
ein bestelltes Bild gedient haben; in der
Ausführung gab er seine künstlerische
Gestaltungskraft, sein Temperament und
den Zeitstil und Weiterbildungen in
Einzelheiten dazu. Der Vorgang läßt
sich an zahlreichen Nachbildungen von
Gnadenbildern beobachten.

‘0 Nach gütiger Mitteilung des Herrn Ti-
rektor v. Kolb in Stuttgart.

Daß ein Kult der hl. Notbuvga in der
Gegend um Ehingen bestand, erweist
das Vorhandensein einer zweitjen Not-
burga-Darstellung, die iticht wie die Ul-
mer Skulptur verschleppt worden ist,
sondern noch am ursprünglichen Platz
sich befindet, für den sie bestimmt wor-
den ist. In der bilderreichen Pfarrkirche
von Oberstadion (OA. Ehingen)
findet sich im Marienaltar (an der Süd-
wand des südlichen Querschisfs) die hei-
lige Notburga auf einem Außenflügel
dargestellt. Die Heilige ist stehend dar-
gestellt in einer Landschaft, sie trägt
Mantel, Kopftuch und Halsbinde, ohne
Krone, dagegen mit Nimbus. In den
Falten des aufgerafften Mantels trägt
sie acht nackte Kinder, während das
neunte wie ein Küchlein bei der Brut-
henne sich im Brustlatz der Mutter ver-
steckt hat und munter herausblickt. Die
Verwandtschaft mit der älteren Ulmer
Skulptur fällt in die Augen: die Dar-
stellung als Matrone, die acht Kinder
in den Mantelfalten. Der Unterschied
der stehenden Stellung ist begründet in
der Raumkomposition des Altarflügels:
als Gegenstück zu der stehenden hl. Ve-
rena im anderen Ftiigel ist eiine Steh-
figur gefordert; außerdem ist das hohe
und schmale Format des Flügels nur für
eine stehende Figur berechnet. Abwei-
chend von der älteren Holzfigur ist das
neunte lebende Kind an der Brust der
Frau im Kleid versteckt angebracr)t. Pro-
fessor Länge-Tübingen weist die tiichti-
gen Flügelbilder des Altars, deren nahe
Verwandtschaft mit den Flügeln des
Hochaltars in derselben Kirche er fest-
stellt, in den Kunstkreis um den Ulmer
Jörg Stöcker, wenngleich sie schon den
Einfluß Zeitbloms zeigen, und versetzt
sie in das letzte Jahrzehnt des 15. Jahr-
hunderts 13). Auffallend ist die Zusam-
menstellung mit der Zurzacher hl. Ve-
rena, die in Alemannien als Patronin
der weiblichen Fruchtbarkeit öfters vor-
kommt; sie wurde um reichen Kinder-

13) Sauge, Beiträge zur schwäbischen Kunst-
geschichte, im Repertorium für Kunstwissenschaft
XXX (1907), S. 432 f. Kunst- und Altertums-
Dentin, in Württemberg, OA. Ehingen (1912),
S. 169.
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