Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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fegen drigefufcn i4). In demselben An- l
liegen dürfte sich das Volk an die hei- j
lige Notburga gewandt haben, weshalb
ihr Kult über ihre Grabstätte hinaus sich
schon früh, frühestens um 1400, bis an j
dhe Peripherie der Konstanzer Diözese
ausbreitete.

lieber die E n t st e h u n g des K it l-
tes der merkwürdigen Volksheiligen
gibt Stückelberg im „Schweizerischen
Archiv für Volkskunde" XII (1908),
S. 197 ff. Deutungsversuche. Er unter-
sucht, ob eine bildliche Darstellung oder
die Legende das Primäre ist, und glaubt
hier mehr eine ikonographische Legende
vor sich zu haben, bereu Werdegang sich
ihm folgendermaßen darstellt: 1. Vereh-
rung des Grabes einer nicht näher be-
kannten heiligen Frau ans dem Kreise
der schottischen Glaubensbotzen; 2. be-
sondere Wirkungen der Heiligen bezw.
ihrer Quelle ans Frauen und Kinder;
3. Darstellung der Heiligen mit zahlrei-
chen geheilten Kindern; 4. die durch Not-
burgas Hilfe geheilten Kinder werden
in der Folge als ihre eigenen angesehen
und neben ihr abgebildet. Die neue
Bildaufsassnng: Notburga als Mutter
von neun Kindern, entspricht der von:
Volksmnnd unvermerkt bewirkten Um-
wandlung; 5. Notburga als Mutter von
nenn zusammengeborenen Kindern. Aus
dem altrömischen Boden des Klettgaus
mögen auch antike Bilder oster Münzen
mit Darstellungen der Fecnnditas oder
Venns Genitrix Anlaß gu dem ikono-
graphischen Motiv gegeben haben. Mit
Recht findet Stückelberg die Heilige auf
Grund ihres Attributes nicht bloß als
Patronin der Kinder oder des Kinder- !
reichtu ms im allgemeinen, sondern als
Patronin der Mehrgeburt gekennzeich-
net. Infolge öfteren Vorkommens von
Mehrgeburten im Klettgau mag der
Volksglauben und die Volksauffassung
die gefeierte und vielverehrte Wohltäte-
rin Notburga zu einer durch Mehrgeburt
allsgezeichneten Frau, mithin zur Schutz-
herrin weiblicher Fruchtbarkeit geniacht
haben. Als solche dürste sie auch in der
Gegend von Ehingen verehrt worden
sein.

Die Musik der Glocken.

Von Dekan Schniid, Wurmlingen.

Gesang und Musik finb so alt wie das
Menschengeschlecht; aber die physikalisch-
mathematischen Grundlagen der Har-
inonie, die ja die Seele jeder Musik ist,
zu erforschen, blieb verhältnismäßig
späten Zeiten Vorbehalten, und auch
heute sind noch lange leicht alle Schleier
geleistet. Schon Marinus Mersenne, der
gelehrte Priester des Pariser Ordens-
hauses der minderen Brüder, den man
wohl als den Vater der Akeistik bezeich-
iecn könnte, weist im Jahre 1636 in sei-
ner Harmonie universelle hin mtf die
Notwendigkeit der theoretischen Erfor-
schung der tieferen Griinde der musikali-
schen Harmonie. Statt in Konzerten
sich nur zum Zwecke mehrstündiger Anf-
sührungen zil versammeln, sollte man,
wie er meint, einen Teil der Zeit dazu
beniitzen, um über das Wesen des
musikalisch Schönen, die Ursachen der
harmonischen Konsonanz unb Dissonanz
in belehrenden Vorträgen sich zu ver-
breiten. In der Folgezeit haben sich
dann geniale Männer wie Kepler, Gali-
lei, Leibniz, Newton und Helmholtz lnit
akustischen Fragen beschäftigt mrb trotz
unvermeidlicher Jrrgänge unverlierbare
Ergebnisse erzielt. Leibniz I z. B. gibt
der Ueberzeugung Ausdruck, daß das
Wesen der Musik in einenl Zahlengesetze
begründet sei. Die Musik sei gleichsam
eine verborgene arithmetische Nebnllg
der Seele, die da rechne, ohne es zu
wissen. Tie Seele, obgleich sie nicht
fühle, daß sie rechne, suhle dennoch die
Wirkung dieser unbewußten Rechnung,
nämlich das Wohlgefällige der znsam-
menstimmenden Klänge und das Miß-
fällige der nicht zusammenstimmenden.
Wenn nun die Akustik zu rechnen be-
ginnt, wo das Ohr die Harmonie ver-
nommen hat, so ergibt sich, daß die
Schwingungszahlen der konsonierenden
Töne in einem ganz bestimmten Ver-
hältnis zueinander stehen. Setzt man
diese Oszillationsgeschwindigkeit den
Schallwellen eines beliebigen tiefen
Tones gleich 1, so erzeugt derjenige Ton,

') Kor!holt: Leibnitii Epist. ad Divers.
Leipzig 1734.

") Alemannia IX (1881), S. 254 f.
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