Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

Seite: 105
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iöo —

der in einem gegebenen Zeitteilchen die
doppelte Anzahl isochron anfeinander-
folgender nnd darum wohltuender
Schwingungen in unserem Ohr hervor-
bringt, in unserer Seele die bestimmte
musikalische Empfindung jenes Jnter-
valles, den wir die Oktave nennen.
Tritt zu diesen zwei Tönen ein noch
höherer hinzu, der in der gleichen Zeit,
da der tiefste 1 Schwingung, der an-
dere 2 vollbringt, 3 Wellenschläge voll-
endet, so vernehmen wir diejenige Ober-
stufe des Primtons, den die Musiker die
Duodezim des Primtons, oder die reine
Quint des Oktavtons nennen. Die wei-
tere Folge der natürlichen Zahlenreihe
liefert auf ähnliche Weise die Doppel-
oktav (mit 4 Schwingungen) des Prim-
tons oder die reine Quarte der Duo-
dezime. Mit anderen Worten: die Folge
der Ganzzahlen 1 bis 6 entspricht der
wachsenden Oszillationsgeschwindigkeit
der zu einem Durakkord sieh vereinigen-
den Obertöne; und es ergeben sich fol-
gende Verhältniszahlen: Oktav 2:1,

Quint 3 : 2, Quart 4 : 3, große Terz
6 : 4, kleine Terz 6:5 So hat die mo-
derne Akustik die Nichtigkeit jenes Wor-
tes von Aristoteles bewiesen: „Die Kon-
sonanz der Töne beruht auf einem, ihre
Abstufung nach Höhe oder Tiefe regeln-
den Zahlengesetze." (Aristot. Analyt.
poster, II, c. 2.)

Es haben nun aber K. S. Ohm nnb
Fourrier analytisch bewiesen, daß diese
Konsonanz symmetrischer Begleittöne
nicht nur bei einem Akkord stattfindet,
daß vielmehr jede Klangbewegnng ans
mehreren pendelartigen Bewegungen
sich zusammensetzt, deren Oszillations-
geschwindigkeiten sich allemal wie die
vornhin genannten einfachen Ganzzah-
len zueinander verhalten. Außer dem
Grundton gewahrt das geübte Ohr eine
Reihe begleitender höherer Partialtöne.
Helmholtz hat in seinem klassischen Werke
„Die Lehre von den Tonempfindnngen"
durch eine Menge der sinnreichsten Ex-
perimente physikalisch das Vorhanden-
sein solcher, nach bestimmten Ganzzah-
len abgestuften Teiltöne in der mensch-
lichen Stimme und fast aller Gattungen
musikalischer Instrumente daraetan. Er
hat bewiesen, daß das, was man in der

Musik Klangfarbe nennt, nnr auf der
verschiedenen Zusammensetzung ihrer
Klänge aus höheren oder tieferen, Öen
Grundton begleitenden Nebentöne be-
rnht.

Das alles mag trocken und nüchtern
klingen; aber vielleicht gilt auch hier:
Eine solide Theorie ist das Praktischste,
was es gibt — zumal w c n n es s i ch
nm die Glocken handelt. Der
Ton, den die Stahlsaite des Klaviers
oder die Darmsaite der Violine gibt, ist
ja verhältnismäßig sehr einfach gegen-
über den Geheimnissen, welche die Glocke
in sich birgt, und die sie nur ungern
preisgibt. „Das Wesen der Glocke," sagt
Biehle -), „ist immer noch ein Rätsel, für
die Wissenschaft ein theoretisches Pro-
blem, für den Musikalischen ein Myste-
rium." Daß die Glocke einen musika-
lisch bestimmbaren Ton besitzt, weiß
jedermann; aber auch dem geübteren
Ohr bereitet dessen Bestimmung eigen-
artige Schwierigkeiten. Unwillkürlich
glaubt nämlich jedermann, den Ton
einer Glocke um eine ganze Oktav tiefet
zn hören, als er in Wirklichkeit lautet,
nnb kostet nicht geringe Mühe, diesen
Irrtum zn korrigieren. „Wer sollte auch
sich so leicht überzeugen lassen, selbst
wenn er ein Musiker von Fach ist, daß
die Töne der Glocken von 40—140 Zent-
nern in der Höhe der p'-Saite der Vio-
line sich befinden, nnd nicht tiefer. Es
liegen demnach die Töne dieser soivie
aller Glocken, die man gewöhnlich zu
hören bekommt, im Bereiche der Knaben-
und Mädchenstimme, eine Tatsache, die
vielen unglaublich erscheint"3). Die
Rätsel vermehren üch, wenn wir die
A r t des Glockentones ins Auge fassen,
ihn zu analysieren suchen. Woher jene
außerordentliche Wucht und Kraft des
Klanges, der oft meilenweit hinaustönt,
nnb auch wieder jene sanften Schwin-
gungen, so zart, daß wir sie mehr fühlen
als hören? Das ist die Zahl und
Stärke der Nebentöne, die sich wie bei
keinem anderen Instrument um den

2) Biehle, I., Theorie des Kirchenbaus. Wit-
tenberg 1913.

-) P. I. Blessing, O. S. B. Gregorius-Blatt
1906. S. 16.
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