Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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Hauptton scharen und ihm jene Weich-
heit und Rundung geben, die eben den
Glockenton ausmacht. Und diese Neben-
töne sind eben jene, die in den: oben
beschriebenen symmetrischen und darum
harmonischen Verhältnis stehen. Frei-
lich, damit diese Nebentöne einzeln Red'
und Antwort stehen, dazu genügt auch
das geübteste Ohr nicht, man muß ihnen
durch eine mit Laufgewichten versehene
Stimmgabel oder durch den Apunnfchen
Schwingungszähler zu Leibe rücken. Bei
einer vollkommenen Glocke sind nicht
weniger als 8 solche Trabanten des
Haupttons zu entdecken. Nehmen wir
eine 6i-Glocke', sie hat folgende Neben-
töne: 1. e, eine Oktav tiefer als der

Hauptton, Grundton genannt. 2. ct in
gleicher Höhe mit dem Hauptton, Hilfs-
ton. 3. esx, die kleine Terz. 4. die
Quint. 5. c2, die Oberoktav des Haucht-
tons. 6. 62, die große Terz über dieser
Ortav. 7. g2, die Quint über derselben.

8. bz, die zweite Oberoktav des Haupt-
tons. Wenn alle diese Nebentöne den
machtvoll schallenden .Hauptton um-
weben, dann erklingt jener wundersame
Sang, der jedem fühlenden Menschen ins
Herz greift. Da offenbart sich jene un-
widerstehliche Gewalt, von der Böhmer 4)
schreibt: „Ich war gläubig und ungläu-
big zugleich; aber daß ich am liebsten
immer gläubig gewesen sein möchte, emp-
fand ich am deutlichsten, als ich einmal am
Rande des Waldes stand und die Abeud-
glocken zu mir herüberläuteten, mit
Klängen aus einer andern Welt. Eine
für mich unvergeßliche Stunde." Der
menschliche Organismus ist zwar nicht '
dazu da, um seziert zu werden, aber der
Wissenschaft brachte es schon großen
Nutzen, daß sie dies tat. Der Glocken-
ton ist da, um gehört, aber nicht um
analysiert zu werden; wenn wir dies
tun, so geschieht es, um womöglich dessen
Schönheit noch zu vervollkommnen. !
Außer dem Mittel der obertonfreien,
mit einem Laufgewicht versehenen
Stimmgabel (die vollkommensten fertigt
die Firma Rudolf König rn Paris) wird
neuestens auch das photographische Ver-

4) Janssen: I. Fr. Böhmers Leben und

Anschauungen. S. 240.

fahren angeweudet ’). Entweder läßt
man die aus die Glocke aufgesetzte
Stimmgabel ihre Wellenbewegung auf-
schreiben, oder man läßt sämtliche Teil-
töne direkt ans den Apparat wirken, wo-
durch man eine graphische Darstellung
des Gesamtklanges erhält. Es muß von
besonderem Interesse sein, daß diese
Konsonanz der Nebentöne unter sich und
mit dein Hauptton sich in vollendeter
Reinheit Nachweisen lassen an jenen
alten Glocken, die durch ihren Wohlklang
berühmt sind; so an der „Gloriosa" tu
Erfurt, 227,24 Zentner, von Gerhard
de Won vom Jahre 1497. Die Schwin-
gungszahl des Grundtons zu 10 an-
genommen, weist sie auf 20 (Hilfston),
24 (Terz), 30 (Quint), 40 (Oktav),
50 (Terz), 60 (Quint), 80 (Oktav), 100
(Terz), 120 (Quint), 160 (Oktav) ch
Ein Beweis, daß die Alten wußten,
was sie taten.

Aber wie und wo bilden sich die ein-
zelnen Töne, der Haupt- und die Neben-
töne der Glocken? Wohl über keine
Frage der Akustik find nicht nur unter
dem Volke, sondern auch unter den Ge-
bildeten, ja unter den Musikern der-
maßen verkehrte Anschauungen verbrei-
tet, wie über diese. Vor allem ist natür-
lich abzuweisen die Auffassung, als „liege
der Grund- und Hauptton unten an:

| Schlagring, die große und kleine Terz
etwas höher zwischen Schlagring und
Mitte, die eine Quint im doppelten Ab-
stand höher, die Oktav nahe an der
Haube, und die Unteroktav des Haupt-
tons am äußersten Rande der Glocke * 7).
So nahe sich es bei oberflächlicher Beob-
achtung legt, die Glocke auf diese Weise
als eine Zusammensetzung von Metall-
reifen sich vorzustellen von verschiedenem
Umfang, und die deshalb auch verschie-
dene Töne, eben die Nebentöne hervor-
bringen — es ist nichtsdestoweniger un-
richtig. Und es kann schon deshalb nicht
sein, weil der Unterschied in der Schwiu-
gungszahl der Nebentöne bei weitem
größer ist als der Unterschied zwischen

b 1 Biehle a. a. O. S. 104.

ß) Blessing. Gregorius-Blatt 1906. S. 3.

7) F. Hemony bei Möhler-Gauß, Kompendium
der kathol. Kirchenmusik. S. 567. 2. Ausl.

Rottenburg, Bader. 1915.
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