Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

Seite: 107
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dem unteren und oberen Umfang der |
Glocke.

Um uns ein richtiges Bild von der
Tonerzeugung in der Glocke machen zu
können, greisen wir zurück auf den ein-
fachsten Vorgang bei der Saite. Die
Schwingungen der Saite sind am leich-
testen verständlich. Schwingt die Saite
in ihrer ganzen Länge als Ganzes, so
bringt sie ihren Grundton hervor. Es
ist aber bekannt, daß, wenn sie in zwei, !
drei oder mehr Teile geteilt wird, jedes- !
mal einen neuen Ton erzeugt. Je mehr >
Teile es sind, und je kleiner dieselben
deshalb werden, desto rascher die
Schwingungen und desto, höher der Ton.
Die Verhältnisse der Teilungen sind
die der gewöhnlichen Zahlrenreihe 1/2,
3, 4, 6, 6. Durch die Zweiteilung ent-
steht die Oktav, durch die Dreiteilung
die Oberquint der Oktav, durch die
Vierteilung die Toppeloktav usf. Be-
rührt man die schwingende Saite genau
in der Mitte, so hört an jener Stelle die
Schwingung auf, die beiden Hälften
aber schwingen weiter, jedoch, da die
Saitenlänge um die Hälfte kürzer ist,
doppelt so schnell, d. h. sie ergeben als
Ton die oberen Oktave. Und zwar
machen die beiden Saitenhälften stets
Gegenbewegung.

i 4-

Wenn die eine Hälfte bei 1 ist, so rst
die andere bei 3, und wenn die eine
bei 4 ist, befindet sich die andere bei 2.
Die nämliche Art von Schwingungen
wie bei Saiten finden wir auch bei einer
tongebenden Kreisplatte. Die Platte
schwingt nicht als Ganzes, sondern sie
teilt sich automatisch in mindestens vier
Kreisausschnitte, so daß die 4 Radien
vom Mittelpunkt sich zur Peripherie er-
strecken. Je 2 einander gegenüberlie-
gende Ouadranten schwingen aufwärts,
während die 2 anderen abwärts schwin-
gen und im nächsten Moment umgekehrt;
während die 4 Grenzlinien (die Radien),
die den Kreuzungspunkt bilden, beinahe
gänzlich ruhig bleiben. Diese Radien
(Knotenlinien genannt) kann man durch j

aufgestreuten Sand sichtbar machen;
von den stark schwingenden Stellen wird
er auf die Seite geworfen unb sammelt
sich auf den ruhigen Knotenlinien an,
wodurch ganz regelmäßige Klangfiguren
entstehen. Uebertragen wir diese Vor-
gänge der schwingenden Kreisplatte
ohne weiteres auf die Glocke! Wir stel-
len sie uns vor als eine runde Scheibe,
die nach unten umgestülpt ist, und be-
kommen das nämliche Bild der Tonfign-
ren. Die 4 Radien in der Ebene der
Kreisfläche sind nun 4 „Meridiane" ge-
worden, die von der Krone der Glocke
nach dem unteren Rand sich ziehen. Bei
dieser Vierteilung, bei der je 2 gegen-
überliegende Ouadranten gleich schwin-
gen, erklingt der tiefste Ton der Glocke,
der Grundton. Außer diesen Meridianen
bildet sich in der Glocke an einer
Stelle eine horizontale Knotenlinie, eine
Linie um den Umfang, etlva eine Hand
breit oberhalb des Schlagrings. Die
4 Sektoren werden dadurch in eine, obere
und untere Abteilung geteilt, wodurch
die Schwingungen kleiner, also rascher
werden als beim Grundton - - es ent-
steht der nächsthöhere Nebenton. Die
Glocke teilt sich ferner in 6 Sektoren,
wodurch der dritte Nebenton crflingt.
Und so zeigt sich die schönste Regel-
inäßigkeit mit mathematisch und geo-
metrischer Genauigkeit in dem Netz von
Knotenlinien, das die Reihe aller Neben-
töne, voin tiefsten bis zum. höchsten,
über die Oberfläche der Glocke ans-
spannt. Mag es auch, zumal ohne Zeich-
nungen. schwer sein, sich von all dem eine
genaue Vorstellung zu machen: so viel ist
unzweifelhaft: das konstituierende Ele-
ment der Nebentöne sind die Meridiane,
die vertikale Teilung, und nicht die
Kreislinie, die horizontale Teilung!
Wo ist aber nun endlich der Hauptton?
Er hat nach allen angestellten Experi-
menten seinen Sitz im Schlagring, wo-
bei Voraussetzung ist, daß die Durch-
schnittsfläche desselben außen und innen
gewölbt ist. Er hat eine ganz andere
Schwingungsart als die Nebentöne:
nicht der Mantel der Glocke schwingt,
wie bei jenen, sondern der Schlagring,
ähnlich wie ein Ball zusammengepreßt
wird unb sich wieder ausdehnt. So ist
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