Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

Seite: 108
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erklärbar, daß dieser Ton so hervor-
ragend stark ist, daß er alles beherrscht,
und doch so kurz, daß er nicht einmal
klingt, bis der Klöppel an die andere
Seite anschlägt.

Da alle diese komplizierten Vorgänge
sich beim Ertönen der Glocke automatisch
vollziehen, so leuchtet ohne weiteres ein,
daß alles auf die Form der Glocke, d. h.
ihr Verhältnis vor: Größe, Dicke nnb
Form, und vor allem ans den Schlag-
ring ankommt. Dieses ihr Profil (Bild
des senkrechten Durchschnitts), auch Rippe
genannt, beruht weniger auf Berechnung
als auf langjähriger Erfahrung, und
wird von den einzelnen Glockengießer-
firmen als Geschäftsgeheimnis gehütet.
Darin besteht nun eben die Kunst des
Glockengießers, daß er das Gewicht, die
Größe, Form und Dicke der Glocke zum
voraus so berechnet, daß der gewünschte
Ton mit den konsonierenden Neben-
tönen erklingt. Wenn man bedenkt, daß
zudem der verwendete Lehm beim Trock-
nen sich zusammenzieht, also wenn auch
nur minimale Aendernngen des Gusses
verursachen kann, so wird man in An-
betracht der ungeahnten Schwierigkeiten
die Anforderungen nicht gab zu hoch
spannen. Der Glockenguß ist und bleibt
eine Kunst auch insofern, als auch der er-
fahrenste Glockengießer nicht unter allen
Umständen für absolut reine Stimmung
seiner Glocken einstehen kann. Es steht
vom musikalischen Standpunkt nichts im
Wege, dem Glockengießer zu gestatten,
daß er eine kleine Abweichung des
Haupttons von der gewünschten Höbe
nachträglich beseitigt. Dies ist mög-
lich, ohne den Klangcharakter der Glocke
zu schädigen. Die sogenannte „Gutz-
haut", die nicht soll verletzt werden,
existiert nur in der Einbildung. Der
Guß ist im Innern genau wie an der
Oberfläche, itnb es ist nicht etwa wie beiin
Brotlaib, dessen Oberfläche eine Kruste
bildet. Diese nachträgliche Korrektur
des Hanpttones kann durch Abdrehen
oder Ausmeißeln geschehen, wobei je-
doch zu bemerken ist, daß das erstere
Verfahren den Vorzug verdient, da es
eine glatte Oberfläche garantiert. Es
geht entschieden zu weit, wenn Böcke-

lerH) hierüber bemerkt: „Also wieder
Fabrikware will man schaffen, statt
Kunstwerke". Tatsächlich hat schon der
berühmte Gießer Franz Hemony im
17. Jahrhundert das heute noch auf
dem großherzoglichen Schloß in Darm-
ßadt befindliche, aus 28 Glocken besteh-
ende Glockenspiel nachaestimmt9). Hof-
kammersekretär Pfnor hat dieselben
aufs eingehendste untersucht lind kommt
zu dem Resultat, daß diese sämtlichen
Glocken in jeder Beziehung sowohl hin-
sichtlich ihrer äußeren Form, ihres voll-
kommenen Gusses, als auch vorzüglich
ihres reinen, nachhaltigen, vollen To-
nes wegen nntabelbaft sind und sich
darum für ein Kirchengeläute als Ori-
ginale zur Nachbildung eignen 10 *). Also
wahrlich keine „Fabrikware"! Neuer-
dings wurde das alte Geläute der Ab-
teikirche in Seckau durch A. Thybaud
aus Lapaz, Kt. Waadt, um einen halben
Ton tiefer gestimmt, und zwar mit be-
stem Erfolg"). Immerhin ist beim
Abdrehen der Glocken äußerste Vorsicht
nötig, und sie ist nur unter der drei-
fachen Voraussetzung zu gestatten: daß
vor allem es sich nur um eine geringe Ab-
weichung handelt, denn wenn der ver-
fehlte Hauptton stark geändert wird, so
harmoniert er nicht mehr mit seinen
Nebentönen, die eine Aenderung nicht
zu lassen. Ferner soll das Abdrehen nur
gestattet werden, wenn der Ton tiefer
werden soll, eine Erhöhung ist zwar
auch möglich, aber weit schwieriger und
bedenklich. Endlich soll dieses Verfahren
nur bei Glocken mit geringerem Ge-
wicht, etwa bis zu 20 Zentner, Anwen-
dung finden. Das Abdrehen geschieht
am vorteilhaftesten im Innern der
Glocke, und zwar am oberen Teil des
Halses. Soll der Ton erhöht werden,
so wird die Glocke am ganzen unteren
Rande abgedreht12).

Im frühen Mittelalter gab es außer

*) Gregorius-Blatt 1897. S. 77.

Harzer, Glockengießerei. S. 68 ff.
i") Verhandlungen des Gewerbevereins für
das Großherzogtnin Hessen. Neue Folge. I. Bd.
'■21 884.

“) Greg. Rundschau. Graz 1903. S. 8. 43.

12) Cf. Dagegen Möhler-Gauß. Kompendium
der Kirchenmusik. Nttb. 1915. S. 569.
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