Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 33.1915

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Geläute und zwei davon mit der vier-
ten ein Moll-Geläute ergeben. Das Moll
weise wan den drei tieferen Glocken
zu. Eine fünfte gliedere uiau inner-
halb der -Oktav als melodischen Ton
ein. lieber den Umfang einer Oktav
hinauszugehen, ist nicht vorteilhaft."

Noch muß zum Schluß aus einen Um-
stand hingewiesen werden, der ganz be-
sonders geeignet ist, die Harmonie eines
Geläutes gu vervollkommnen und den
inan vielleicht das Problem der Zukunft
für den Glockenguß nennen darf, es ist
dies die „Terzenreinheit". Jedes Ge-
läute, ob melodisch oder harmonisch',
wird Wohl stets mehrmals in der Ton-
höhe der einzelnen Glocken den Unter-
schied einer Terz aufweisen. Nun er-
klingt aber die Oberterz auch in jeder
einzelnen Glocke als markantester Ne-
benton. Bei dem ganzen Geläute wer-
den nun aber, bei Moll- und Dur-Ge-
läute je an verschiedener Stelle, große
und kleine Terzen abwechseln — und
d a r n a ch soll sich auch die einzelne
Glocke richten: d. h. wenn die nächste
(oder übernächste) Glocke um eine große
Terz höher ist, sollte die tiefere Glocke
als Nebenton auch die große Terz ha-
ben, und beim Unterschied einer kleinen
ebenfalls eine kleine. Einzelne geniale
Glockengießer der alten Zeit haben dies
zweifellos verstanden. Das ist aber
leichter gesagt als getan. Die weit-
aus meisten Glockengießer geben ihren
sämtlichen Glocken als Nebenton die
kleine Terz. Einzelne Firmen 'haben
aber die Lösung dieses schwierigen Pro-
blems frisch und wie es scheint mit Er-
folg in Angriff genommen, weniger
auf dem Wege matheinatischec Terech-
nung als auf dem des allerdings kost-
spieligen Experimentes. Man darf
den deutschen Glockengießern ein frohes:
Glück auf! zurusen.

Es gibt Leute, denen das Anhören
einer einzelnen großen Glocke, die
gut geläutet wird, die meiste Befriedi-
gung gewährt: der kraftvolle Schlag
des Haupttous, der seekanvolle Sang
der Nebentöne, zusammen mit dem
Schwung der Glocke — das alles ver-
einigt sich zu einem herzergreifenden

Ganzen. Bei feierlichen Anlässen wer-
den mehrere Glocken zusammengeläutet;
mehr als vier gleichzeitig zu läuten, ist
vom musikalischen Standpunkt nicht wün-
schenswert. Es treffen dann die Schläge
mehrerer Glocken zu oft zusammen, was
Dissonanzen ergibt, die, weil sofort wie-
der zwei andere Glocken zusammentref-
fen, sich nicht mehr auflösen. Und gehen
wir noch einen Schritt weiter: Wenn
in einem Orte oder in nächster Umge-
bung mehrere Geläute sind, so sollten
dieselben nach einheitlichen Grundsätzen
zusammengestellt werden. Das ist auch
ein Stück Heimatschutz, und uicht das
unwichtigste. Die benachbarten Geläute
sollten zwar durchaus nicht gleich sein,
sie sollen verschiedenen, aber einheit-
lichen Charakter haben. In jedem Ge-
läute soll ein Anknüpfungspunkt für das
andere sein, ähnlich wie in den aufein-
anderfolgenden Akkorden eines Musik-
stücks. Biehle hat die vier Geläute der
Stadt Bautzen genau untersucht und ge-
sunden, daß beim Stundenschlag jede
Glocke die Töne der vorangeschlagenen
als Oberton wiedergibt, gewissermaßen
summiert, aber gleichzeitig einen neuen
Grundtou hinzufügt, der stets eine Terz
tiefer liegt. Die vier Glocken (der vier
Türme) geben in melodischer Folge die
Töne El, Um, C, A, also den verminder-
ten Treiklang in den Haupttönen und
die große Septime als Teilton. Man
wird wohl niemand unrecht tun mit der
Behauptung, daß bisher diesem Moment
sehr wenig Beachtung geschenkt wurde.
„Die Oeffentlichkeit ist," sagt Biehle mit
Recht, „nach dieser Seite noch weit mehr
betroffen, als von dem, was man land-
läufig unter Heimatschutz versteht. Fühlt
mein Auge sich beleidigt oder nicht be-
friedigt, so kann ich mich diesen Ein-
drücken verschließen. Der Glockenton
aber bringt durch dicke Mauern und zu-
gestopfte Ohren."

Möge es uns vergönnt sein, recht bald
viele solch terzenreine Geläute zil hören.
Und mögen diese dann ihr schönstes Amt
ausüben: den Menschen den Himmels-
srieden zu künden und der Welt den
Völkerfrieden einzuläuten! —

Stuttgart, Buchdruckcrei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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