Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 34.1916

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Die Tätigkeit des wessobrunner
wtukkators Johann Michael ^eicht-
mapr in Württemberg.

£irt Beitrag zur (Charakterisierung der
Kunst der Gebrüder ^eichtmayr ans
Wessobrunn.

Von 1)r. iuA. Willy P. F u ch s.

In den Einfluß aus die Kirchenbau-
kunst des württembergischen Ober-
schwaben zur Barock- und Rokokozeit
teilen sich die Meister Vorarlberger und
oberbayerischer Herkunft. Beide Künst-
lergruppen haben hier bedeutende
Schöpfungen hervorgebracht. So ftam-
nien von den Vorarlbergern die Kir-
chen auf dem Schönenberg bei Ellwan-
gen, in Obermarchtal, zu Friedrichs-
hafen, Tannheim, Weißenau, Rot an
der Rot, Weingarten und Wiblingen.
Die Werke der oberbayerischen Meister,
an Zahl wohl geringer, an künstlerischer
Bedeutung den Vorarlbergern minde-
stens ebenbürtig, sind: die Klosterkir-
chen von Ochsenhausen und Zwiefalten,
beide von Joh. Michael Fischer (1691
bis 1766), und die Kirchen des Meisters
Dominikus Zimmermann (1685 bis
1766) in Sießen und Steinhaufen. Die
letztere, eine zentral-ovale Anlage, deren
selbst für jene Zeit auffallende Freiheit
der Komposition wohl dem Umstande
zuzuschreiben ist, daß ihr Erbauer, von
Haus aus Stukkator, zu dieser Raum-
form vom rein dekorativ-malerischen
Standpunkt aus kain, also unabhängig
von ähnlichen Schöpfungen früherer
Baukünstler I. Und Steinhaufen ist
eine der wenigen Kirchen, die auch im
Aufbau den Charakter des Rokokostils
zeigen, während sich ja sonst dessen An-
wendung auf die Ausschmückung mittel-
alterlicher oder barocker Räume be-
schränkte. Dominikus Zimmermann
ans Landsberg gehört der Schule der
Wessobrunner Stukkatoren an, deren
knnsthistorische Bedeutung zuerst er-
kannt zu haben sich als Verdienst der

') Die Ovalkirchen Vignolas und des Wie-
ners Fischer von Erlach und die — von der
mittelalterlichen Gereonskirche (Köln) ausgehen-
den Zentralkirchen der fränkischen Barock-
meister.

Münchener Gelehrte Gg. Hager2) zu-
schreiben darf. Ihre Dekorationskunst
hat weit über die Grenzen ihrer Heimat
hinaus und so auch inr benachbarten
württembergischen Schwaben große
Verbreitung gefunden. Die meisten
Kirchen jener Vorarlberger und ober-
bayerischen Meister verdanken ihnen ihre
Ausschmückung. Die Tätigkeit der
Wessobrunner Schule erstreckt sich über
ein volles Jahrhundert und es läßt sich
deshalb an ihr die ganze Wandlitng
des Ornamentstils vom frühen Barock
bis zum Klassizismus verfolgen. Von
jeder Stufe der Entwicklung besitzen
wir in Württemberg mit die schönsten
Beispiele: Vom Frühbarock Johann

und Franz Schmuzer in Obermarchtal
(1689) und Friedrichshafen (1700), vom
Hochbarock Franz Schmuzer in Wein-
garten (1724), vom Frührokoko eben-
falls Franz Schmuzer in Weißenau
(1724), vom Hochrokoko I. M. Feicht-
mayr in Zwiefalten (1752) und Gn-
tenzell (1756) und Johann Georg Gigl
in Jsny (1757) und endlich vom Klassi-
zismus Franz Raver Feichtmayr in
Rot (1786) und Th. Scheidhauf in Ne-
resheiili (1765) und Ochsenhausen (1789).

Die Eigenart der Wessobrunner
Stukkatoren ist am stärksten ausgeprägt
bei den Werken aus der frühbarocken
Zeit, die sich eng an die Arbeiten der
italienischen Künstler in München —
besonders in der Theatinerkirche —- an-
schließen. Die Merkmale ihrer dama-
ligen Ornamentik sind: Unterordnung
unter die architektonische Gliederung;
kräftiges, gleichmäßiges und stark un-
terschnittenes Relief mit breitem Blatt-
schnitt und geschlossener Aneinander-
reihung der Blattgrnppen; sparsame
und unauffällige Verwendung figura-
len Details (Kinderfiguren von meist
mangelhafter Zeichnung) als Teil der
ornamentalen Verzierungen. Im Hoch-
barock wird das Relief etwas schwächer
und ungleichmäßiger, die Detaillierung
schmächtiger und zarter (die Akanthus-
blätter zwar noch stark unterschnitten,

2) In seiner Abhandlung: „Die Bautätigkeit
und Kunstpflege im Kloster Wessobrunn und die
Wessobrunner Stukkatoren", München 1894.
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