Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 34.1916

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aber weniger geschlossen und in dünnere
Ranken auslaufend), auch verschwinden
die Figuren bald gänzlich. Das Früh-
rokoko bringt dann die Vorherrschaft
des französischen Einflusses in Form
von stilisiertem Bandwerk und gegitter-
ten Feldern, verbunden mit leichter Tö-
nung des Grundes. Auch das entwik-
kelte Rokoko steht anfangs noch völlig
im Zeichen der französischen Rocaille
^Spiegel mit Netzwerk, geflammte und
gezackte, mufchelförmige und überschän-
mende Wellenornamente), emanzipiert
sich aber allmählich von ihr, um schließ-
lich sich zum deutschen Rokoko auszu-
wachsen mit seinem breiteren und kräf-
tigeren Relief und der stilisierten ch
Phantastik seiner Komposition. Insbe-
sondere in Oberbayern sind die länd-
lichen Klöster die Träger deutscher
Kunst, während die von französisch ge-
bildeten Hofarchitekten erstellten Schloß-
bauten nach wie vor der französischen
Rocaille als Domäne verblieben. Cha-
rakteristisch für das Hochrokoko ist das
Wiederauftretcn siguralen Details, das
aber viel freier und selbständiger be-
handelt ist, als zur Zeit des Friih-
barocks. Ganz und gar unter französi-
schen Einfluß gerät dann wieder die
klassizistische Ornamentik, deren Hanpt-
elcmente sind: dünne Blumengewinde,
Flechtbandmuster (der Brüstungen),
Urnen als Bekrönung und Farblosigkeit
(wie zur Zeit des Barocks).

Johann Michael Feichtmayr gehört
der großen Familie gleichen Namens
an, die seit dem Jahre 1630 in der
Pfarrei Wessobrunn ansässig war. Nicht
weniger als 17 Familien Feichtmayr
sind in den dortigen Familienregistern
des 17. und 18. Jahrhunderts eingetra-
gen. Johann Michael, geboren inr Jahre
1700 in Haid, schlug, wie auch andere

**) Die weitverbreitete Meinung, deni deut-
schen Rokoko sei gegenüber deni französischen
ein stärkerer Naturalismus eigen, beruht meines
Ernchteus auf einem Irrtum. Ich halte viel-
mehr das Gegenteil für richtig, denn die fran-
zösische Rocaille verwendet die Flora (Flieder,
Apiel- und Kirschbaum, Jasmin, Goldregen,
Sonnenblumen u. a.) viel ausgiebiger und natur-
getreuer als die deutsche Rokokoornamentik, deren
Hauptdekoranousiuittel jene phantastischen, siili-
sierteü Muschel- und W?ll?porngmente bilden.

Wessobrunner, mit seinem Bruder
Franz in Augsburg seinen Wohnsitz
auf. Beide waren von dort aus an
zahlreichen Orten Bayerns und der
Nachbarländer tätig. Ihre Kunst ist,
wie später eingehend dargelegt, stark
beeinflußt durch zeitgenössische Orna-
mentstiche, die in großer Zahl seit dein
Anfang des 18. Jahrhunderts in Augs-
burg erschienen find. Sie haben zum
Teil gemeinfam, zum Teil einzeln ge-
arbeitet: in der Theatinerkirche zu
Miinchen, sowie in den Kirchen von
Dießen, Jndersdorf, Neustift bei Frei-
sing, Ottobeuren, Roth a. Inn, Thier-
haupten, Vierzehnheiligen und Raiten-
buch. In Württembergs verdanken
Johann Michael Feichtmayr ihren deko-
rativen Schlnnck die Klosterkirchen von
Gutenzell irnd Zwiefalten, sowie die
Kapelle von Gossenzngen. Es hieße den
Rahmen der vorliegenden Abhandlung
überschreiten, wollte ich hier näher auf
die Baugeschichte und die Einzelheiten
des architektonischen Aufbaus der ge-
nannten Kirchen eingehen, umsomehr,
als beides schon anderwärts* 5) erschöp-
fend behandelt ist. Ich kann mich also
darauf beschränken, nur so viel davon
zu erwähnen, als für das Verständnis
des Zusammenhangs von Architektur
und Dekoration erforderlich ist.

Die K l o st e r k i r ch e, setzt katho-
lische Pfarrkirche, a d SS.
Cosmam et Damianum i n
Gutenzell

stammt ihrer Anlage nach akls dem Ende
des 14. Jahrhunderts: eine dreischiffige
Basilika mit hohem Mittelschiff mrd
kurzem Achteckschor. Das Mittelschiff
besaß damals fünf durch Gurtbogen ge-
teilte Hauptjoche, ihnen entsprachen bei-
derseits zehn Seitenschiffjoche. Erst
zehn Jahre nach der Zerstörung von
Schloß und Kirche wird diese, in den

0 Die Beschreibung der Arbeiten Feichtmayrs
in dem benachbarten Hoheuzollern uns Baden
(Pfarrkirche in Sigmaringen, St. Annakirche in
Haigerloch, Kirche in Klosterwald, Stiftskirche in
Säckingen) behalte ich mir für einen späteren
Zeitpunkt vor.

5) 11. a. in: „Kunst- und Altertumsdenkniale
im Königreich Württemberg" und in den ivürl-
temberAischen Oberamtsbeschreibungen ^
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