Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 34.1916

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Urheberschaft Feichtmayrs an den Ent-
würfen zur Jnnenausschmückung steht
außer Frage, ebenso feine spezielle Lei-
tung der Stukkaturarbeitcn. Der Ranm-
organismus einer Barockkirche stellte
seiner Kunst eine ganz andersgeartete
Ausgabe, als der einer mittelalterlichen
Anlage, wie etwa Gutenzell. Im barok-
ken Raum keine senkrechten Mauerflä-
chen an der Mittelschiffwand, sondern
Auslösung derselben durch Oeffnung
nach den seitlichen Nischenräumen; grö-
ßere Breite des Mittelschiffs, infolge-
dessen Ueberwiegen des oberen Raum-
teils gegenüber dem unteren (bei Zwie-
falten Verhältnis der beiden Teile etwa
1 : 1, bei Gutenzell etwa 1 : (US) und
endlich kein rhythmisch abgeteiltes Mit-
telschifsgewölbe mehr, sondern aneinan-
dergereihte, verschiedenartige Gewölb-
systeme, deren freier Zug nur einmal,
an der Vierung, durch Gurtenbildungen
unterbrochen und gefaßt wird. Die über-
ragende Wirkung des oberen Raumteils
wird noch verstärkt durch die reichere
malerische und plastische Ausschmückung
ihrer Wölbungen. Will man die schran-
kenlose Verschmelzung von malerischem
und plastischem Schmuck als Ideal einer
Rokokodekoration gelten lassen, dann
kommt ihm Zwiefalten ohne Zweifel am
nächsten von allen mir bekannten Kir-
chenräumen. Während in Ottobeuren
der Erreichung dieses Ideals die strenge
Gruppierung der vier stuadratischen
Kuppelgewölbe hemmend ' entgegen-
wirkte, war ihm hier die freie Längs-
entwicklung der gurtenlosen Mitteltonne
besonders günstig. Tie Malerei bedeckt
nahezu die ganze Gewölbefläche lind
hört erst da auf, wo durch das Ein-
schneiden der Fensterkappen Zwickel ent-
stehen, die durch plastisch umrahmte
Spiegel besonders gefaßt sind. An den
Grenzstellen gehen Malerei und Plastik
eine derartig innige Verbindung mit-
einander ein, daß z. B. ein gemalter
Engel ein plastisch angesetztes Bein be-
sitzt und andererseits die Schaumwellen
der Stuckzieraten in die malerischen
Darstellungen übergreisen und sie ganz

Er- B. Pfeiffer, Ä'ürttembergijche VierteljahrS-
hefte 1904.

willkürlich durchschneiden. Dadurch, daß
die ganze Wölbdecke mit toniger Male-
rei und Stukkatur überzogen ist, wird
trotz deren krauser Ornamentik eine
durchaus geschlossene Gesamtwirkung er-
zielt im Gegensatz zu Ottobeuren, wo
die zahlreichen farblosen Gurten eine
solche nicht aufkommen lassen. Mit dem
farbigen Band der Gewölbe korrespon-
diert das in den Farben noch stärkere,
aber weniger zusammenhängende Längs-
band der rhythmisch aufgereihten Säu-
lenpaare. Beide farbigen Bänder aber
sind hell versetzt durch die zwei saroioien
Bänder der zu jenen Sänlenpaaren ge-
hörigen Sockel und Gebälke. Das Band
der Säulenpaare wiederum ist in sich
rhythmisch unterbrochen einmal durch
die sreigeschwungene Horizontale der
Emporen, deren lebhafte Grnndrißbewe-
gung einen reizvollen Gegensatz bildet
zu den straffen Vertikalen der Säulen
(Bewegungs- und Richtungskontrast),
zum zweiten durch den Kulissenrhyth-
mus der Altarnischen, deren reiche far-
bige und plastische Dekoration als ein
Rezitativ der Gewölbedekorationen an-
zusehen ist. Den Schlußakkord der ge-
samten Dekorationssymphonie bilden die
beiden weit in die Triumphbogenöfs-
nung hineinragenden dekorativen Pracht-
stücke der Kanzel und ihres Gegenstücks.
Man sieht aus alledem, wie sehr hier
die dekorative Ausschmückung des Rau-
mes dessen Tendenz zur Längenentwick-
Inng unterstützt, die ans den Brenn-
punkt der kirchlichen Funktionen, den
Hochaltar, hinleitet (in einer mehr zen-
tralen, diffusen Anlage wie Ottobeuren
ist eine solche Richtungskonzentration
nicht möglich). Wie in Gutenzell und
in Ottobeuren hat Feichtmayr die Kno-
tenpunkte über dem Kämpfer der Vie-
rnngssänlen durch plastische Gruppen
kräftig betont. Sie bleiben trotz der
Lebhaftigkeit ihrer Umrißwirkung durch-
aus im Rahmen der Gesamthaltung.
Dagegen überschreiten die zwischen den
Säulen da und dort verstreuten plasti-
schen Wolkengebilde das vom Stand-
punkt einer ernsten Kunst zulässige Maß
spielerischer Dekorationsweise. Einer-
seits die Steigerung der dekorativen
1 Mittel in den obengenannten Bändern
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