Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 34.1916

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— angefangen vom farblosen Sockel
und Gebälkeband über bas farbigere
Sänlenband bis gunt farbig und Pla-
stisch am reichsten behandelte Gewölbe-
band — und andererseits die geschlossene
rmd konzentrierte Durchsü/Hrunlg dies
Schmucks haben eine Kraft und gleich-
zeitig Ruhe der Gesamtwirkung zulvege
gebracht, wie sie selbst Feichtmayr nir-
gends sonst erreichte und wie sie in glei-
chem Maße znr damaligen Zeit wohl
nur noch in der Klosterkirche von Maria-
Einsiedeln 31t finden ist. Mährend da-
gegen in Ottobenren nach früherem die
Ruhe der Gesamtwirkung durch den
Mangel an Geschlossenheit der Gewölbe-
dekoration beeinträchtigt wird, verhin-
dert in Gntenzell das in anderer Hin-
sicht lobenswerte Gleichgewicht von
Wand- nnd Deckendekoration die Errei-
chung des vornehmsten Ziels der Deko-
rationskunst, wie jeder Kunst iiber-
hanpt, nämlich: Konzentration und

Steigerung.

Die Kapelle St. Magnus von
Gosseuzngen.

Eine Filiale des Klosters Zwiefalten
hat Feichtmayr ums Jahr 1766 von dort
aus dekoriert. Auch der Architekt ist
derselbe wie in Zwiefalten, nämlich
I. M. Fischer, der damit ein reizendes
kleines Bauwerk geschaffen. Die äußere
aus geraden, vor- und zurückspringen-
den Wündslächen gebildete Umrißgestal-
tung läßt die einfach-große, aus dem
Kreis ausgebaute innere Raumsorm
nicht ahnen. In einer Achse sind dem
Kuppelraum zwei slachgekrümmte Apsi-
den für Orgel und Altar angegliedert,
während in der dazu senkrechten Achse
zwei Bogenfenster — die einzigen Licht-
quellen — mit tiefen Leibungen sitzen.
Die Umdeutnng des äußeren Eckenauf- 1
baus zum inneren Kurvenraum ist dem j
Baumeister ebenso glücklich gelungen,
wie die architektonische Gliederung der
Innenwände durch vier Pilasterpaare
mit seinprosiliertem Gebälk. Durchaus
würdig des architektonischen Aufbaus
sind Feichtmayrs Stuckdekorationen
Feichtmayr zeigt sich hier von einer-
ganz neuen Seite. Wenn seine großen
Kirchenräume Zeugen der Phantasie

int& Prachtliebe seiner Kunst sind, so be-
gegnen mir ihm in Gossenzugen als
Meister weiser Selbstbeschränknng, einer
bei Rokokokünstlern besonders seltenen
Gabe. Die Dekoration beschränkt sich
aus den Schmuck der Bogen- und Fen-
sterscheitel und der Kapitäle, sie ist so
elegant und zart (man betrachte z. B.
die seine Linienführung und Detaillie-
rung der Verzierung am oberen Ende
der Apsidenkuppeln), daß man beinahe
versucht wäre, den Modellierstab eines
französischen Künstlers dahinter zu ver-
muten, wenn nicht manche Einzelheiten,
lvie die in das Kuppelgewölbe einschnei-
denden Schaumwellen und das Korb-
muster der den Zwiesaltener nachgebil-
deten Pseilerkapitäle8 9), die Urheber-
schaft Feichtmayrs verrieten. Einen den
Zwiesaltener Wolkengebildeten ähnlichen
Mißgriff in den künstlerischen Mitteln
stellt der aus bemaltem Holz und Stuck
bestehende Altaraufbau dar, dessen Na-
turalismus ebenso stilwidrig ist, wie
etwa die künstlichen Ruinen, Grotten
und Naturbrücken der „romantischen"
Architekturperiode vom Ende des vori-
gen Jahrhunderts.

Die Dekorierung dreier so gänzlich
verschiedenartiger Ranmsormen, wie die
von Gutenzell, Zwiefalten und Gossen-
zngeu, ist ein Beweis für die außeror-
dentliche Vielseitigkeit und Anpassungs-
fähigkeit der Feichtmayrschen Kunst.
Ebenso zeigt aber auch der Vergleich die-
ser Arbeiten, daß nur der Organismus
eines Rokokoraums, wie ihn Fischer in
Zwiefalten geschaffen, geeignet ist, seine
Kunst zur vollen Entfaltung zu bringen.
Selbst ein dem Rokokogedanken schon
sehr nahestehender Raum, lvie Neumanns
Vierzehnheiligenkirche °), hat dies nicht
vermocht, denn die dortige Ornamentik

8) Vergl. auch die Ornamentik der Pfeiler-
nnv Säulenkapitale bei Feichtmayrs Stukkaturen
in Vierzehnheiligen und Ottobeuren.

9) Auf Grund vergleichender Studien glaube
ich annehmen zu dürfen, daß Vierzehnheiligen
die Veranlassung zu weiterer Zusammenarbeit
von Neumann und Feichtmayr oder dessen Schule
auch bei Profanbaulen gab, so u. a. bei den
Banzer Bauten (Giebel des Torbaus), den Decken
des Bruchsaler Schlosses (großer Saal), den
Stukkaturen des Oderzeller, vielleicht auch de>
Brühler Treppenhauses.
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